Diplomaten versuchen seit gut zwei Jahren ein weltweites Abkommen über international abgestimmte Maßnahmen zur Verhinderung von Pandemien wie die Coronaseuche zu zimmern. Doch kurz vor Ablauf der Verhandlungsfrist scheint ein Scheitern des Pandemieabkommen möglich. Zu groß sind die Differenzen zwischen armen Staaten und denjenigen, die über das Know-how und die Finanzmittel verfügen.
Von Wolf Achim Wiegand (mit Material von u.a. POLITICO)
Hamburg (waw) – Die Menschheit schien aus den Folgen der tückischen Lungenkrankheit Corona (anderswo: COVID-19) gelernt zu haben. Die hatte sich nach dem Ausbruch 2019 in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan (Provinz Hubei) mit verheerenden medizinischen, ökonomischen und sozialen Wirkungen den Weg um den Erdball gebahnt. Millionen Tote sollten sich nicht wiederholen, schworen sich Regierende auf allen sieben Kontinenten.
Die Eiligkeit war nachvollziehbar. Bis zum heutigen Tag hat sich das Virus in mehr als 190 Ländern ausgebreitet und weltweit über 689 Millionen Menschen infiziert. Darunter waren zuletzt rund 20,6 Millionen aktive Fälle. Die Zahl der Todesopfer in Zusammenhang mit dem Virus beläuft sich aktuell auf über 6,8 Millionen. Durch die Todesfälle sind laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 336,8 Millionen Lebensjahre verloren gegangen.
Traum eines Menschheitsprojektes
Diplomaten machten sich also an die Arbeit. Sie wollten ein globales Projekt auf die Beine stellen, das grenzüberschreitend verbindliche Maßnahmen festschreibt. Es sollte sicherstellen, dass jeder Mensch auf der Erde in ähnlichen Situationen gleichberechtigt geschützt wird. Diese Ziele sollten unter anderem erreicht werden:
- Besseres Warnsystem: Digitale Technologien und innovative Instrumente sollen Bedrohungen in Echtzeit vorhersagen können.
- Bessere Reaktion: Globalen Lieferketten und Logistiksysteme sollen aufeinander abgestimmt, eine wirksame Bevorratung erreicht sowie Forschung und Innovation ausgebaut werden.
- Bessere Umsetzung: Jedes Land soll wirksam auf den Ausbruch einer Pandemie reagieren können.
Doch das Pandemieabkommen, das die Weltgesundheitsorganisation (WHO) derzeit auszuhandeln versucht, könnte nur ein Traum bleiben.
“Es besteht die reale Möglichkeit, dass die Gespräche scheitern und die Welt so unvorbereitet zurückbleibt, wie sie es 2020 war,” analysiert Ashleigh Furlong.

Furlong, eine auf Gesundheitsthemen spezialisierte Reporterin beim Nachrichtenportal POLITICO mit Sitz in London, stellt fest: Die seit zwei Jahren laufenden Gespräche hinter verschlossenen Türen treten weniger als sechs Monate vor Ablauf der vereinbarten Frist auf der Stelle. Von den sonst bei Interessengegensätzen üblichen Kompromissen und Zugeständnissen sei “nirgends etwas zu sehen” – jeder beharre auf Maximalpositionen darüber, wie Forschungsmaßnahmen sowie die Verteilung von Impfstoffen koordiniert und Informationen unter den Vertragsstaaten rascher ausgetauscht werden sollen.
In der Tat sind die Interessen über eine koordinierte Vorgehensweise im Falle einer Pandemie sehr unterschiedlich. So befürchtet die Pharma- und Medizinbranche in Industriestaaten, dass die WHO in selbst ausgerufenen Pandemien und Gesundheitsnotständen verbindliche Anordnungen treffen und Entscheidungen souveräner Staaten über Gesundheitsmaßnahmen außer Kraft setzen könnte. Das könne einen Verlust der Grundrechte bedeuten, hieß es in einer Petition an den Bundestag und in einer Verfassungsbeschwerde, die allerdings zurückgewiesen worden sind.
Pandemieabkommen – eine Frage der Apartheid?
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat der WHO die volle Unterstützung Deutschlands für das geplante Pandemieabkommen zugesichert. Allerdings hat er auch erklärt, dass die Bundesregierung dem Pakt nicht zustimmen werde, wenn geistige Eigentumsrechte etwa auf Impfstoffe eingeschränkt würden. Damit formuliert er das Misstrauen der Industrie, Rechte nicht nur an geistigem Eigentum, sondern auch des Informationsaustauschs über Krankheitserreger und des Technologietransfers könnten verletzt werden.
Völlig anders sehen das weniger begünstigte Länder wie Südafrika. Sie sprechen von “Impfstoff-Apartheid”. Ungleichheiten müssten beseitigt werden, da es einen weltweit sehr unterschiedlichen Zugang zu Corona-Impfstoffen und Medikamenten gebe. Sie stellen sich hinter den Leitgedanken der Gerechtigkeit. Ziel ist es, zu vermeiden, dass Länder mit niedrigen und mittleren Budgets stärkeren virologischen Gefahren ausgesetzt sind, als der Club der Wohlhabenden.
„Monopolstellungen von Herstellern müssen unterbunden werden… Geistige Eigentumsrechte, Technologien und Wissen müssen geteilt werden, um im Pandemiefall die Produktion schnell ausweiten zu können. Genau dieser Streitpunkt muss jetzt in den Verhandlungen zum Pandemievertrag geregelt werden”
Melissa Scharwey, Ärzte ohne Grenzen

Hier kommt der geplante Zugangs- und Vorteilsausgleichsmechanismus ins Spiel. Einfach erklärt: Länder sollen ähnlich wie bei Grippewellen üblich unter sich Proben zirkulierender Viren mit Pandemiepotenzial austauschen. Das ist wichtig, damit die Pharmaindustrie rasch mit der Produktion von Impfstoffen beginnen kann. Im Gegenzug – so der Pandemieabkommensplan – soll die Industrie Geld in einen Topf spenden. Er würde zur Verbesserung der Bereitschafts- und Reaktionsfähigkeit in betroffenen Ländern verwendet.
Tiefe Gräben über das Pandemieabkommen
Diesen Mechanismus lehnt die führende Pharmaindustrie vehement ab – und scheint laut Furlong die USA, die EU, Großbritannien, Kanada, die Schweiz und die Vereinigten Arabischen Emirate auf ihre Seite gezogen zu haben. Der Internationale Verband der Arzneimittelhersteller (IFPMA) findet den bisher vorliegenden Text jedenfalls „schädlich“, weil er „uns in die falsche Richtung führen würde“.
Für Länder mit niedrigem Einkommen sei dieser Mechanismus dagegen ein “sehr wichtiges Kernstück”, zitiert Furlong einen beteiligten Diplomaten:
“Was während der COVID-19-Pandemie geschah, war, dass viele Länder sowohl Erregerproben als auch genetische Sequenzdaten zur Verfügung stellten und dann nicht in den Genuss der Vorteile kamen. Das war eine Lehre, die wir alle daraus gezogen haben”.
Und – wie geht es weiter?
“Wenn die Länder wirklich einen Vertrag haben wollen, müssen sie echt anfangen zu verhandeln und nicht nur ihre ursprünglichen Positionen wiederholen”

Der momentan auf dem Tisch liegende 30-seitige Entwurf für das Pandemieabkommen bleibt also höchst umstritten. “Das Problem ist, dass die Formulierungen wirklich schwach sind. Sie sind unserer Meinung nach unzureichend,” findet Piotr Kolczynski, EU-Gesundheitsexperte bei der Hilfsorganisation Oxfam.
Derzeit scheinen die Verhandlungsführer der Industriestaaten jede Änderung ihrer Positionen bis zur letzten Minute hinauszuzögern. Das sei eine hochriskante Taktik, die dazu führe, dass sich die WHO-Mitgliedsländer bis zum Ablauf der Frist im Mai 2024 möglicherweise nicht auf wesentliche Verpflichtungen einigen können, glaubt Furlong.

Auch andere Experten sehen mit Sorge weiterhin deutliche Meinungsverschiedenheiten über das Pandemieabkommen.
Es gibt nur noch zwei offizielle Verhandlungssitzungen. Die Zeit läuft ab, in der es möglich ist, der Menschheit die große Chance zu geben, globales Sterben gemeinsam einzudämmen.
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