Rumänien Wahl Präsident – Die NATO-Wackelflanke: Am Sonntag, 4. Mai 2025, wählt Rumänien einen neuen Präsidenten. Ein rechtspopulistischer Aufsteiger könnte das strategische Bollwerk von EU und NATO ins Wanken bringen – und Wladimir Putin könnte profitieren.
Rumänien Wahl Präsident
Bukarest/Hamburg (waw) – Bukarest ist eine große schöne Stadt, die sonst am Rand der Weltpolitik liegt. Doch am 4. Mai 2025 blicken ganz Europa und die Welt gebannt dorthin. Denn in Rumäniens Hauptstadt entscheidet sich weit mehr als die Zukunft eines einzelnen Landes. Es geht um die Stabilität einer ganzen Region. Es betrifft die Verlässlichkeit eines NATO-Partners. Und es handelt sich um die Verteidigung westlicher Werte.

Zur allgemeinen Wahl des Präsidenten tritt ein bunter Reigen an Kandidaten an. Er reicht von proeuropäischen Reformern bis hin zu nationalistischen Aufrührern. Die meisten werden sang- und klanglos untergehen. Aber es kann sein, dass der Extremste vorne liegen wird.
George Simion heißt der Mann, der laut Umfragen alle Chancen hat, zumindest die erste Runde zu gewinnen. Er ist erst 38 Jahre alt, Historiker, Nationalist, Hoffnungsträger der Frustrierten und Chef der rechtspopulistischen AUR-Partei. Sein Wahlkampf: laut, aggressiv, omnipräsent in sozialen Medien.
Simion schürt planmäßig Ressentiments gegen die EU. Er träumt von einem “Großrumänien” unter Einschluss Moldaus und der Ukraine. Trotz – oder gerade wegen – seiner extremen Positionen genießt er wachsende Popularität. Jeder dritte Befragte will Simion die Stimme geben.
Rumänien Wahl Präsident
Der Präsident hat in Rumänien große Macht. Als Staatsoberhaupt repräsentiert er Rumänien nach außen, spielt aber auch eine große Rolle in der Außen- und Sicherheitspolitik. Er führt Verhandlungen, schließt internationale Verträge und ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Außerdem schlägt der Präsident einen Premierminister vor und kann bestimmte Ministervorschläge ablehnen. Schließlich kann die rumänische Nr. 1 Gesetze an das Parlament zurückschicken, mehrere Richter des Verfassungsgerichts ernennen und Volksbefragungen initiieren.
Rumänien taumelt
Die Wahl des Präsidenten am 4. Mai ist notwendig geworden, weil das Verfassungsgericht die erste Runde der Präsidentschaftswahl vom November 2024 annulliert hatte. Die Richter schlossen auch den damals siegreichen Călin Georgescu – einen prorussischen Nationalisten – aus. Grund: Schwerwiegende Verstöße gegen das Wahlrecht und massive ausländischer Einflussnahme. Es war die Rede von einem “hybriden Angriff” aus Moskau auf den Wahlkampf in Rumänien.
Die rumänische Politikposse begann, weil der bis dahin weitgehend unbekannte Georgescu eine FakeNews-Kampagne führte. Diese stützte sich ausschließlich auf teure SocialMedia-Videos – finanzierte über undurchsichtige Geldströme. Die Richter: Die “intransparenten und gegen den Wahlkodex verstoßenden digitalen Technologien sowie künstliche Intelligenz” verletzten die Chancengleichheit unter den Kandidaten.

Der Ausschluss Georgescus führte zu landesweiten Protesten seiner Anhänger. Auch ausländische Stimmen äußerten Bedenken hinsichtlich der demokratischen Integrität des Verfahrens.
Heute ist der Moment, in dem der rumänische Staat die Demokratie mit Füßen getreten hat. – Selbst Georgescus größte Rivalin, die zweitplazierte Liberale Elena Lasconi, war entsetzt über die Annullierung
Ganz anders sah es der sozialdemokratische Ministerpräsident Marcel Ciolacu:
Das Verfassungsgericht hat die Wahl annulliert. Wir respektieren die Entscheidung und werden die notwendigen Schritte einleiten, um die Demokratie zu schützen.
Nach dem unumstößlich verordneten Ausschluss Georgescus füllte Simion das entstandene Vakuum. Hinter ihm steht die vermeintlich um den Sieg gebrachte “Souveränisten”-Szene. Zuspruch kommt aber selbst aus der gesellschaftlichen Mitte heraus – zu groß ist die Wut auf “die in Bukarest”.
Als bürgerlicher Hauptrivale des Rechtsrebellen Simion hat sich indessen Crin Antonescu, 65, herausgeschält. Der Veteran der rumänischen Politik – er war zuletzt Senatspräsident – wird getragen von den etablierten Parteien.
Antonescu steht für Verlässlichkeit, Westbindung, klare Kante gegenüber Moskau. Sein Plan: Verteidigungsausgaben auf drei Prozent des BIP steigern und Rumänien zum Rüstungsstandort aufwerten. Das Land solle nicht nur Empfänger westlicher Waffen sein, sondern auch Produzent, sagt Antonescu:
Washington, Paris, London und Bukarest gehören zur selben Welt.

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NATO auf der Kippe?
Diese Wahl ist kein nationales Ereignis. Jeder versteht dies, der einen Blick auf die Landkarte wirft. Rumänien, seit 2007 EU-Mitglied, ist Transitkorridor für Waffen und Hilfsgüter in die Ukraine. An seiner Schwarzmeerküste entsteht der größte NATO-Stützpunkt Europas: Mihail Kogălniceanu, eine 2800 Hektar große Militärstadt. 10.000 Soldaten sollen dort stationiert werden – fast doppelt so viele wie in der US-Basis Ramstein.
Ein prorussischer Präsident an dieser strategischen Nahtstelle? Das wäre ein Albtraum und Krisenfall für die NATO – und ein Triumph für Wladimir Putin.
Ein Volk zwischen Zorn und Hoffnung
Doch viele Menschen in Rumänien ticken nicht nach den Bedürfnissen Washingtons oder Brüssels – und das hat tiefe, über Jahre gewachsene Gründe:
- Korruption: Eines der größten Probleme in Rumänien. Viele hochrangige Volksvertreter und Beamte waren in Skandale verwickelt. Selbst wenn Reformen angekündigt wurden, änderte sich wenig.
- Staatsversagen in Alltagsthemen: Öffentliche Dienste wie Gesundheitswesen, Bildung oder Infrastruktur funktionieren oft schlecht. Gebäude sind marode, Schulen schlecht ausgestattet, Straßen baufällig – trotz milliardenschwerer EU-Hilfen.
- Vetternwirtschaft und politische Arroganz: Viele Bürger sehen, dass Posten nach Beziehungen und nicht nach Kompetenz vergeben werden. Parteien erscheinen wie abgeschottete Machtzirkel, die mehr an sich selbst als an die Bürger denken.
- Langsame Justiz und fehlende Gerechtigkeit: Auch wenn gegen Korrupte ermittelt wird, ziehen sich Prozesse ewig oder enden in Freisprüchen. Das Gefühl, dass „die da oben“ unantastbar sind, ist weit verbreitet.
- Wirtschaftliche Ungleichheit: Trotz wirtschaftlichen Wachstums profitieren oft nur Großstädter und Eliten. Auf dem Land oder in Kleinstädten herrschen Armut, Perspektivlosigkeit und Abwanderung.
- Enttäuschung über Alle: Egal ob Sozialdemokraten (PSD), Liberale (PNL) oder Reformparteien – viele Rumänen haben erlebt, dass Wahlversprechen gebrochen und Ideale aufgegeben wurden. Von allen im politischen System.
- Auswanderung und Brain Drain: Millionen Rumänen sind ausgewandert, weil sie in ihrem Land keine Perspektive mehr sahen. Das verstärkt das Gefühl, dass die politische Klasse versagt hat.
Der Aufstieg Simions speist sich aus diesem tiefen Frust. TikTok, Telegram und Facebook sind seine wirksamen Wahlkampfwunderwaffen – hier mobilisiert er die Jungen, die Enttäuschten, die Wütenden.
Jüngstes Beispiel für das Parteienversagen: das chaotische Abservieren von Elena Lasconi, der liberalen Bürgermeisterin von Câmpulung. Sie war zur Präsidentschaftskandidatin der Liberalen ausgerufen worden. Der eigene Parteivorstand stellte die europafreundliche Hoffnungsträgerin kurz vor der Wahl kalt – wegen angeblicher Schwäche in den Umfragen.
Lasconi kandidiert zwar dennoch – weil die Stimmzettel bereits gedruckt sind. Aber ihre Partei behauptet, die Kreuze gehörten der Kandidatin nicht… Ein absurdes Schauspiel, das die Glaubwürdigkeit der Eliten weiter untergraben und Scharlatane wie Simion unbelastet erscheinen lässt.

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Der tiefe Fall des Klaus Iohannis
Über all dem schwebt ein weiteres Gespenst der Enttäuschung, verkörpert durch Klaus Iohannis. Zehn Jahre lang war er Präsident, galt als Bollwerk gegen Korruption und russischen Einfluss. Doch seine Amtszeit endete in Lethargie und Isolation. Sein letzter Auftritt: Ein Rücktritt, um einem Amtsenthebungsverfahren zuvorzukommen. Heute fegt er sein eigenes Grundstück in Hermannstadt – gefilmt von Paparazzi, verspottet im Netz (siehe Foto unten).
Zu Iohannis schwerwiegendsten Erbe zählt, dass rechtsextreme, prorussische Kräfte so stark geworden sind wie nie zuvor in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten, sagen Beobachter:
Seine Markenzeichen als Präsident waren Schweigen, mangelnde Präsenz in der Öffentlichkeit und – wenn er sich gelegentlich doch äußerte – zumeist unangemessen wirkende, teils haarsträubende Wortmeldungen, bis hin zu nationalistischer Hetze. – So bilanziert Keno Verseck, Reporter der Deutschen Welle.

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Europa hält den Atem an
Am 4. Mai steht mehr auf dem Spiel als eine Personalie. Rumänien wird zum Testfall: Wie widerstandsfähig ist eine junge Demokratie gegen die Versuchungen von Nationalismus, Populismus und äußere Einflussnahme? Kann die EU ihre Ostflanke sichern? Oder verliert der Westen einen seiner wichtigsten Partner in Südosteuropa?
Die Politologin Alina Mungiu-Pippidi warnt:
Rumänien steht vor einer entscheidenden Prüfung, um die Integrität seiner Institutionen zu bewahren. – Alina Mungiu-Pippidi (Politikwissenschaftlerin, Bukarest)
Ein russlandfreundlicher Präsident würde nicht nur Bukarest verändern – sondern die Balance einer ganzen Region. Nicht weniger steht auf dem Spiel als die Wehrhaftigkeit Europas.
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