Terro­rismus: 25 Seeleute sind als Geiseln der Huthi-Rebellen auf ihrem Frachter vor Jemen gefangen…

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Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Al-Hodeïda – Ernst blicken sie drein. Und erwar­tungsvoll. Manche auch so, wie bestellt und nicht abgeholt. An der Wand hängen gerahmte Bilder jemeni­ti­scher Terror­führer. Helles Tuch vor dem Kabinen­fenster macht den Raum schattig. Das dämpft den Licht­kon­trast für die Kamera, mit der das Video aufge­nommen wird. 

Das Grüppchen ist ein Teil von 25 Seeleuten, die seit über einem halben Jahr im Süden der Arabi­schen Halbinsel auf dem eigenen Schiff einge­sperrt sind. 17 Filipinos, zwei Bulgaren, drei Ukrainer, zwei Mexikaner und eine rumänische Geisel. Sie schmoren auf dem riesigen Autofrachter “Galaxy Leader” (Position: klicken) in Sicht­weite des weißen Strandes einer großen Meeres­bucht vor der jemeni­ti­schen Hafen­stadt Al-Hodeïda.

Anlass der Insze­nierung: Die Kidnapper haben einem Team des Inter­na­tio­nalen Roten Kreuzes (IRK) und wenigen ausge­suchte Reportern erstmals seit über einem halben Jahr erlaubt, die mensch­lichen Faust­pfande zu “besich­tigen”. Ort des Geschehens: Die Offiziers­messe des in Blau-Weiß gestri­chenen Schiffes.

Terrorismus: Hier schmort der entführte Frachter Galaxy Leader

Wüstenhitze, futtern, warten…

Viel tun können die Rot-Kreuz-Entsandten nicht für die Seeleute. Freya Raddi, die Vizechefin der IRK-Delegation im bürger­kriegs­zer­fled­derten Jemen, zieht einige Briefe von Angehö­rigen aus der Tasche. Im Gegenzug bekommt sie schrift­liche Botschaften an die Lieben zu Hause mit auf den Weg. Die Männer dürfen zwar per Internet ein Mal wöchentlich kurz mit ihren Familien telefo­nieren – aber die Video­ver­bindung in diesem abgele­genen Teil der Welt ist nicht ideal.

Monotone Lange­weile in brütender Hitze ist die Beglei­terin dieser Opfer inter­na­tio­nalen Terro­rismus. Es gibt fast nichts zu tun an Bord, seit Huthi-Milizionäre den fast 200 Meter langen Roll-on-Roll-off-Frachter auf der Fahrt durchs Rote Meer entführt haben. Der schwer­be­waffnete Trupp war am 19. November 2023 mit einem Hubschrauber an Deck gelandet. Kapitän und Rudermann wurden mit vorge­hal­tenen Maschi­nen­pis­tolen und Messern zur Kursän­derung gezwungen. Ein trauma­ti­sches Erlebnis – bis heute nicht aufgearbeitet.

Stolz posierten die Schiffs­kid­napper nach getaner Mission auf dem Oberdeck ⬆️

Die Huthi sind bemüht, als Menschen­freunde überzu­kommen – das Wort Terro­rismus lassen sie nicht gelten. Sie seien bereit, den Gefan­genen auf dem bei stärkerem Wind und Seegang dümpelnden Schiff “alles” zu geben, was sie brauchen. Das sei ihnen zugesi­chert worden, berichten die Männer. Tatsächlich sehen sie gut genährt aus. Einige haben an Körper­ge­wicht zugenommen, heißt es. Vielleicht eine Folge von Bewegungs­mangel. Anzeichen von Gewalt kann das IRK nicht entdecken.

In Wirklichkeit sind die Huthi eine mit harter Hand regie­rende Organi­sation des islamis­ti­schen Terro­rismus. Laut der Denkfabrik Sana’a Center for Strategic Studies herrschen sie mit einem „höchst effek­tiven System der Gewalt, der Waffen und eines flächen­de­ckenden Spitzel­ap­parats“.

Feindbild Israel

Warum schmoren die Seeleute? Antwort: Sie waren zur falschen Zeit auf dem falschen Schiff. Ihr “Verbrechen” ist, auf einem Frachter angeheuert zu haben, das zum Teil einem israe­li­schen Reeder gehört:

Terrorismus-Opfer Autofrachter Galaxy Leader

Die vom Mullah-Régime des Iran unter­stützten Huthi fühlen sich als Rächer paläs­ti­nen­si­scher “Opfer”. Sie unter­stützen aus der Ferne den Krieg des ebenfalls iranisch gepäp­pelten Hamas-Terro­rismus im Gazastreifen gegen die israe­lische Vertei­di­gungs­armee. Die Kämpfe dort waren ausge­brochen, weil Hamas im Oktober ein unsäglich grausames Massaker gegen Menschen in Süd-Israel ausge­führt und über 330 Zivilisten vom Baby bis zum Greis entführt hatte.

Es sei die Pflicht aller Muslime, den Paläs­ti­nensern beizu­stehen, sagt der 44-jährige Anführer Abdul-Malik Al-Huthi. Die Angriffe seines zur Regio­nal­macht empor­ge­stie­genen religiöse Famili­en­un­ter­nehmens auf Schiffe seien kein Terro­rismus, sondern ein „heiliger Akt“.

Eine Rotkreuz-Delegation darf an Bord gehen ⬆️

“Lasst uns frei!”

Zurück zu den Seeleuten auf der “Galaxy Leader”. 

Ein Crewsprecher namens Daniel Mugero darf ein paar Sätze in die Kamera sagen. Das klingt nett, ist aber nicht so gemeint:

Wir wollen so schnell wie möglich nach Hause gehen. Lasst uns frei. Wir wollen frei sein wie jeder andere Mensch auf der Welt. Wir sind Zivilisten. Wir sind nicht mit Israel oder Palästina verbunden. Wir unter­stützen keinen Krieg. Wir unter­stützen nur den Frieden.

Das Video ist berechnend kühl konzi­piert. Al-Huthi will damit nach dem Lehrbuch des Terro­rismus den psycho­lo­gi­schen Druck auf Familien, Reederei und betei­ligte Regie­rungen erhöhen. Die haben Kriegs­schiffe vor die Küste des Jemen entsandt, um den Handelsweg zwischen Europa und Asien zu schützen – was nicht gelingt.

Später wird die staat­liche jemeni­tische Nachrich­ten­agentur Saba melden: “Das Team des Roten Kreuzes überprüfte den Zustand der Schiffs­be­satzung, die den Medien gegenüber bestä­tigte, dass sie sich in einem guten Zustand befindet und in Überein­stimmung mit den Lehren und Werten der islami­schen Religion human behandelt wird.

Terrorismus IRK bei Seeleuten Geiseln
Freya Raddi vom Roten Kreuz bei den entführten Seeleuten ⬆️

Stählerner Knast wird Freizeitspot

Doch die Forderung bleibt:

Die inter­na­tio­nalen Organi­sa­tionen und Staaten müssen alles tun, um die Freilassung der Seeleute zu erreichen. – Inter­na­tionale Schiff­fahrts­kammer, London

Hoffnung, die Männer bald freizu­be­kommen, gibt es kaum.

Eduardo de Vega, im philip­pi­ni­schen Außen­mi­nis­terium für die Wander­ar­beiter seines Landes zuständig, sagt dem US-Sender CNN: “Es gibt wirklich nicht viel, was man tun kann, um sie zu beein­flussen, denn die Huthi sagen uns, dass sie das Schiff und alle Besat­zungs­mit­glieder so lange festhalten werden, bis die Feind­se­lig­keiten im Gazastreifen beendet sind.” Das kann dauern, denn Terro­rismus folgt keinen humanen Spielregeln.

Während die gefan­genen Männer in vermeintlich trauter Runde mit den Abgesandten der Außenwelt reden, kracht draußen gleißende Sonne erbar­mungslos auf das aufge­heizte Deck des Frachters. Sein Bauch ist leer, denn die “Galaxy Leader” war ohne die sonst übliche Fracht von 4.500 Pkw vom türki­schen Hafen Körfez nach Pipavav in Indien unterwegs gewesen, wo es Fahrzeuge laden sollte. 

Wegen der hohen kantigen Aufbauten ist das ankernde Schiff schon von weither sichtbar. Für die 400.000 Einwohner Al-Hodeïdas ist der blauweiß gestri­chene Frachter eine Attraktion geworden. Regel­mäßig werden Sight­seeing-Besucher zum gekaperten Frachter gebracht. Dort angekommen müssen sie über eine israe­lische Flagge laufen, um den jüdischen Staat symbo­lisch mit Füßen zu treten.

Im Inneren des Schiffes haben die Terro­risten ein großes arabi­sches Café einge­richtet (siehe Video links ⬇️). Da lassen es sich jemen­tische Männer gut gehen. Die verschlei­erten Frauen müssen an Land bleiben.

Videos in sozialen Medien zeigen, dass vergnügte Jemeniten das Schiff als schwim­menden Badesteg benutzen. Sie stürzen sich in Badehose von der hohen Bordkante ins erfri­schende Salzwasser des Roten Meeres (siehe Video rechts ⬇️).

Auf Deck: Sommerakademie für Schüler

Skurril mutet diese Nutzung des Freizeit­parks “Galaxy Leader” an ⬆️:

Jemeni­tische Schüler “durften” im Rahmen politi­scher Sommer­kurse an “Erkun­dungs­vor­füh­rungen” teilnehmen. Mit Gehirn­wä­sche­lehrern übten sie nach Angaben der jemeni­tische Nachrich­ten­agenturdas Skandieren von Slogans, in denen sie ihren Stolz auf die Haltung des jemeni­ti­schen Volkes zur Unter­stützung der paläs­ti­nen­si­schen Sache zum Ausdruck brachten”. Weiter heißt es:

Die Schüler lobten die Einsätze der jemeni­ti­schen Streit­kräfte bei der Unter­stützung von Gaza und dem Kampf gegen den ameri­ka­ni­schen, briti­schen und zionis­ti­schen Feind.

Die jungen Jemeniten – alle in blaue Einheits­uni­formen gekleidet – “riefen Slogans der Solida­rität mit dem paläs­ti­nen­si­schen Volk und dem paläs­ti­nen­si­schen Wider­stand”. Sie “lobten die Positionen der Führer arabi­scher Länder zu den Völker­mord­ver­brechen, die die zionis­tische Einheit mit ameri­ka­ni­scher und westlicher Unter­stützung an Kindern, Frauen und älteren Menschen im Gazastreifen begangen hat.

Ihre Lehrer sagten, Sinn der Exkursion auf das gekid­nappte Schiff war es, den Kindern “den Dschihad einzu­flößen, die paläs­ti­nen­sische Sache zu unter­stützen und islamische Heilig­tümer zu vertei­digen”.

Wie geht’s weiter?

Inzwi­schen haben die Huthi erklärt, sie würden weiter „Schiffe aller Unter­nehmen ins Visier nehmen, die mit der Lieferung oder dem Transport von Waren nach Israel verbunden sind, unabhängig von ihrem Bestim­mungsort“. Anführer Abdul Malik al-Houthi spricht von einer “vierten Phase der Eskalation” als Vergeltung für die „israe­lische Aggression in Rafah“ (Gaza). Dort geht die israe­lische Armee gegen die wohl letzten Bataillone der Hamas-Terro­risten und versteckte militä­rische Tunnel­an­lagen vor:

Von nun an werden wir auch über die fünfte und sechste Phase nachdenken, und wir treffen sehr wichtige, heikle und einfluss­reiche Entschei­dungen gegenüber den Feinden. – Terror­kom­mandeur Al Houthi:

Die Kidnapper filmten selbst ihren spekta­ku­lären Überfall ⬆️

Die Bemühungen zur Freilassung der einsamen Seeleute im Roten Meer sind überschaubar und ihre Aussichten, das große stählerne Gefängnis bald verlassen zu können, sind mau. Offen­sichtlich fordern die Huthi im Austausch für die Geiseln ihre offizielle Anerkennung als Regierung des Jemen – das wird kein Rechts­staat erfüllen können. Zumal nicht gegenüber einer Miliz, die Schiffe auf dem Meer angreift.

Das Einzige, was dem IRK zu tun bleibt, ist, menschen­würdige Bedin­gungen für die Opfer des Huthi-Terro­rismus sicher­zu­stellen. Aber die einsamen Seeleute haben keine große Lobby. Die meisten stammen aus dem Niedrig­lohnland Philip­pinen, der größten Matro­sen­re­kru­tie­rungs­nation der Welt. 

Seeleute auf Frachtern wie der “Galaxy Leader” sind ziemlich rechtlos. Das Schiff fährt mit kosten­güns­tiger Bahamas-Flagge. Es hat einen Eigner mit Zulassung der Isle of Man (zwischen Irland und England). Und es fährt sowohl für eine japanische Reederei wie für ein Myanmar angemel­detes Unter­nehmen. Solch nahezu undurch­dring­licher Vertrags- und Zustän­dig­keits­dschungel macht Besat­zungen quasi staatenlos.

Regionalrebellen mit Weltwucht

Die Seekid­napper indessen fühlen sich stark. Nicht nur, weil sie in der Lage waren, ein großes Schiff in die Gewalt zu bringen. Nicht nur, weil sie täglich Handels­schiffe mit Raketen, Drohnen und Selbst­mord­drohnen attackieren können. Und nicht nur, weil sie damit einer geballten westlichen Marine­armada die lange Nase zeigen, die irgendwo da draußen hinterm Horizont mit HighTech-Überwa­chung und gezieltem Landbe­schuss antwortet.

Die Huthi trumpfen auf, weil es der kampf­erprobten Truppe gelungen ist, ab Dezember 2023 das Rote Meer und damit den nördlich angren­zenden Suezkanal weitgehend lahmzu­legen. Die Route ist die kürzeste Strecke auf dem Seeweg zwischen den Welthan­dels­zentren Europa und Asien.

Westliche Reede­reien sind seit Beginn der Beschie­ßungen gezwungen, den 6.000 km längeren Umweg über das südafri­ka­nische Kap der Guten Hoffnung zu nehmen. Der Terro­rismus kostet nach Berechnung des Europäi­schen Auswär­tigen Dienstes (EAD) 360 Millionen Euro pro Stunde. Faktoren sind Energie­bedarf, Liefer­ket­ten­pro­bleme und steigende Fracht­raten. Aber zu groß ist die Gefahr, dass Crews auf dem bishe­rigen Weg getötet, verletzt oder gefangen genommen werden – oder dass ganze Seeschiffe versenkt werden. Was bereits geschehen ist …

Seit Dezember 2023 greifen Huthi weitere Handels­schiffe vor der jemeni­ti­schen Küste im Roten Meer an. Dass Sie nun von inter­na­tio­nalen Kriegs­schiffen unter Führung der USA beschossen werden, das zemen­tiert die Huthi-Macht nur. Sie können sich als tapfere Vertei­diger gegen den satani­schen Westen insze­nieren – Verluste tun nichts zur Sache, wenn man daran glauben lässt, Märtyrern winke das Paradies.

Letztlich ist es so: Die Huthi, die große Teile des Jemen einschließlich der Haupt­stadt Sanaa kontrol­lieren, machen den großen Handels­mächten vor ihrer 2.400 Kilometer langen Küste eine lange Nase. Die Regio­nal­re­bellen betreiben Weltpo­litik. Das funktio­niert. Weil sie es können.

P.S. Letzte Meldung

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AIDA Kreuzfahrten

Trans­pa­renz­hinweis: Das Titelbild ist mit Künst­licher Intel­ligenz kreiert worden


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