Vor der Europawahl publiziere ich immer donnerstags meine Kurzkolumne “Wiegands Wahl Watch” im Printformat von FORUM – Das Wochenmagazin. Es geht um den Wahlkampf für die Abstimmung am 9. Juni. Was tut sich in den 27 EU-Ländern?
Sie können das auch online lesen. Hier Ausgabe 16 / 2024:
Auf dem Weg zur Europawahl

Die Europawahl ist schon entschieden. Jedenfalls bei Jenen, die bereits per Briefwahl abgestimmt haben. Das läuft offensichtlich reibungslos. Außer in Freiburg, Karlsruhe und Ulm. Da sind falsche Unterlagen verschickt worden. Aber das Versehen ist geheilt. Schwamm drüber.
Sie ist etwas ungewöhnlich, die Euro 2024. So präsentieren Europas Christdemokraten mit Ursula von der Leyen eine Spitzenkandidatin, die nicht kandidiert. Die Grünen zeigen Annalena Baerbock und Robert Habeck auf Plakaten – auch sie wollen keinen Sitz in Brüssel. Und die SPD wirbt mit Olaf Scholz, wenngleich er Berlin nicht verlassen wird. Die AfD hat ihren Frontmännern Maximilian Krah und Petr Bystron sogar ein Europawahl-Auftrittsverbot erteilt.

Schauen wir nach den Umfragen. Die lassen einige EU-Regierungen zittern. In Spanien etwa. Dolors Montserrat ist die lautstärkste Gegnerin des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Pedro Sanchez. Sie könnte bei der Europawahl mit 15 Prozenten plus fulminant gewinnen.
In Frankreich ist Präsident Emmanuel Macrons liberale Partei Renaissance wohl abgeschlagen auf Platz 3. Das konservative bis rechtsextreme Lager liegt vorn. Desaster lauert auch in Schweden: Alle Parteien der konservativ geführten Minderheitskoalition könnten ihre EU-Mandate verlieren – zu Gunsten von Sozialdemokraten, Rechten und zwei Kleinparteien. In Bulgarien ist die Regierung nach fünf dicht aufeinanderfolgenden Parlamentswahlen erneut zerbrochen. Bei der Neuwahl und parallelen Europawahl hoffen pro-russische Gruppen auf Zulauf.
Europawahl: Blick in die Glaskugel
Wenn die Umfragen in den 27 EU-Staaten stimmen, wird das bunte Europaparlament noch farbiger. Aus Spanien könnten Separatisten aus dem Baskenland, Katalonien oder Galizien dazustoßen. Die ebenfalls auf Eigenständigkeit bedachte italienische Region Trentino-Südtirol (deutschsprachig, autonom) dürfte den bürgerlich-konservativen Dauerabgeordneten Herbert Dorfmann entsenden – wenn ihn bei der Europawahl nicht neue Rechtsausleger verdrängen, die Südtirol von Italien loslösen wollen.

Italien könnte zugleich Frischlinge vom entgegengesetzten Lager aufbieten. Die liberalen Neugründungen Azione und Italia Viva haben unerwartet gute Regionalwahlergebnisse eingefahren. Zusammen mit der aufstrebenden Partei der Liberalen aus Portugal könnten die beiden Südländer ein gewisser Ersatz für die einst hoch gehypte spanische Partei Ciudadanos sein. Die hat nach Flirts mit Rechten ihr Profil verloren und ist untergegangen.
Die stärkste Fraktion nach der Europawahl – das kann man schon sagen – wird erneut das konservative Lager um Fraktionschef Manfred Weber (CSU/EVP) stellen. Niemand zweifelt daran. Ginge es nach der CDU, soll es wieder eine stabile Mehrheitsbildung mit Sozialdemokraten und Liberalen geben. Aber beide Parteibündnisse könnten schwächeln.

Eine erneute Absprache aus der Mitte heraus ist fraglich, wenn das weiter rechts stehende Lager voraussagegemäß zulegt. Dort ziehen zwei starke Frauen die Fäden: Die baldige französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen und die junge italienische Regierungschefin Giorgia Meloni. Die AfD haben sie gerade kaltgestellt, um sich als anschlussfähige europäische Vordenkerinnen zu profilieren. Ungarns EU-Dauerskeptiker Victor Orbán lässt das alt aussehen. Aber noch ist ja nichts entschieden.
Nächste Woche ein letztes Mal mehr.
Wolf Achim Wiegand ist freier Journalist mit EU-Spezialisierung.
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