Knapp einen Monat nach erneuter Amtseinführung hat Donald Trump die weltpolitische Bühne fest im Griff. Ist er ein strategisches Genie, das die Welt nach seinem Willen formt? Oder ein gewiefter Taktiker, der seine Macht mit fragwürdigen Methoden sichert? Die umstrittene Rede seines Vize JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz hat diese Fragen noch drängender gemacht. Eine Analyse.
Von Wolf Achim Wiegand
Alle Bilder: KI

Hamburg/Brüssel/Washington (waw) – Wenn dieser Text erscheint, hat der Protagonist des Artikels vermutlich wieder für neue Schlagzeilen gesorgt. US-Präsident Donald Trump versucht vehement, die Welt nach seinen Interessen umzugestalten. Anderen Akteuren lässt er bei seinem Dauerfeuer kaum Luft zum Atmen.
Genau das ist Trumps politisches Rezept: Tempo und Radikalität. Wir behäbigen Europäer haben damit ein Problem. Unsere demokratischen Prozesse brauchen nun mal Zeit und Konzessionsbereitschaft. Aber der Mann im Weißen Haus hat große Macht, kann durchgreifen. Per Federstrich und Dekret verlassen das Oval Office auch Anordnungen von enormer Tragweite.
Deshalb wird es wohl noch viele Trump-Momente geben. In diesen fassen wir uns verwundert an die Nase. Wir fragen uns: Ist das ein großes Genie, ein glänzender Gaukler oder ein gerissener Geschäftsmann?
Derzeit befindet sich Trump aus Sicht seiner Anhänger auf einem Triumphzug. Mit seinen politischen Befehlen machte der Republikaner umgehend zentrale Entscheidungen seines Vorgängers Joe Biden rückgängig. Innenpolitisch standen dabei die Themen Einwanderung, Wirtschaft und Bürokratieabbau im Vordergrund.
Rekordverdächtig gesetzlos?

Gemessen an Zahlen und Statistiken ist der 78-Jährige erfolgreich. Seine Anordnung, illegale Migranten wegzuschaffen, führte zu Sofortrazzien gegen Einwanderer und deren Abschiebung.
Wir haben in den ersten zwei Wochen mehr Migranten abgeschoben als die Biden-Regierung im gesamten Jahr 2023.
Das behauptet Trumps Heimatschutzberater Stephen Miller. Er ist eine der mächtigsten Figuren in Trumps Stab. Unabhängige Überprüfungen seiner Angaben stehen allerdings noch aus.
Wirtschaftlich setzt Trump wie schon vor zehn Jahren auf Steuererleichterungen und den Abbau staatlicher Regulierungen. Ein Ansatz, der an der Wall Street gefeiert wird. Experten warnen indessen vor langfristigen Risiken für die Staatsverschuldung.
Umstritten: Der nicht gewählte Milliardär Elon Musk, von niemandem außer Trump im Amt bestätigt, lässt als Entbürokratisierungsbeauftragter ganze Ämter auflösen. Darunter auch die weltweit aktive Entwicklungsbehörde USAID. Angeblich sind das Maßnahmen zur Entschlackung des Apparates und zur Einsparung überflüssig gewordener Ausgaben. Juristen indessen halten das für verfassungsrechtlich bedenklich. So wie Laurence Tribe, emeritierter Professor an der Harvard Law School. Er sagt: Trump 2.0 führe “einen Blitzkrieg” gegen das Gesetz und die Verfassung:
Donald Trump ist ohne Zweifel der gesetzloseste Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
Heftiger Widerstand aus den Reihen der oppositionellen Demokraten regt sich gegen die Entfernung vermeintlich illoyaler Staatsdiener. Bei der Bundespolizei FBI werden zahllose Mitarbeiter auf die Straße gesetzt. Das trifft besonders einige ganz bestimmte Abteilung, nämlich Ermittler, die in den vergangenen Jahren mutmaßlich kriminelle Verfehlungen von Trump und Anhängern untersucht haben.
Das ist eine beispiellose politische Säuberung.
So beschreibt es Senator Richard Blumenthal (D). Und fügt hinzu: “Trump entledigt sich derer, die ihn einst zur Rechenschaft ziehen wollten.”
Außenpolitisch markig am Start

Die Demokraten haben zahlreiche Klagen gegen Trump eingereicht. Und jetzt, wo nach der Amtsübernahme keine Wahlen und Nominierungen mehr anstehen, schlucken vereinzelt sogar Republikaner nicht alles. Diese wenigen Aufrechten pochen auf die Einhaltung des Rechts. Für sie geht es als Konservative erst recht darum, Traditionen und Konventionen der US-Demokratie zu achten.
Wir sind eine Partei von Recht und Ordnung und das betrifft auch den Präsidenten. - Mitt Romney ®, von Trump kaltgestellter Ex-Senator.
Das Nachrichten- und Kulturmagazin The New Yorker klagt allerdings:
Während Trumps zweiter Amtszeit fehlt ein formidabler Widerstand. Dies ist im Vergleich zu seiner ersten Amtszeit auffällig.
Und die Justiz? Dass sie imstande ist, rechtlich bedenkliche Handlungen des Weißen Hauses einzudämmen, bezweifeln Rechtsgelehrte inzwischen. Dazu gehört Jacob Maillet, Verfassungsjurist der Universität Paris 5. Er ahnt nichts Gutes:
Mich beunruhigt, dass es anders als zur ersten Amtszeit auf allen Ebenen des föderalen Apparats viel mehr von Trump ernannte Richter gibt. Diese sind im Allgemeinen radikal.
Außenpolitisch ist der Meister des politischen Comebacks erwartungsgemäß markig am Start. Sein wichtigstes Kampfmittel: Strafzölle. Trump setzt auf wirtschaftliche Schädigungen, um ganz andere Ziele zu erreichen. So war es im Fall Kolumbien. Trump verhängte einen 50-prozentigen Aufschlag auf das Hauptexportprodukt Kaffee. Damit erzwang er die Rücknahme ausreisepflichtiger kolumbianischer Migranten. Der linksgerichtete Präsident Gustavo Petro knickte nach wenigen markigen Worten sehr schnell ein.
Auch für das Nachbarland Mexiko galt ein 25-prozentiger Aufschlag auf Alles – allerdings nur für 24 Stunden. Trump lenkte gnädig ein, als Präsidentin Claudia Sheinbaum über Nacht 10.000 Soldaten gegen Migranten und Drogendealer an die gemeinsame Grenze beorderte. Sein Anliegen war wohl in Wirklichkeit kein wirtschaftliches. Vielmehr wollte Trump, dass Mexiko die Schlepper selbst am Schlafittchen packt. Und, dass es nebenbei die Drogenmafia zähmt – das spart die USA viel Geld.
Ähnlich ging Trump gegen den zweiten US-Nachbarn Kanada vor. Er drohte dem Land mit dem Ahornblatt in der Flagge, als 51. Bundesstaat in die USA einverleibt zu werden. Inzwischen hat Premier Justin Trudeau eine 1,3 Milliarden Dollar teure Grenzbefestigung zugesagt. Trump wirkt wunschlos glücklich. Aber bleibt das so?

Entscheidend ist die Kalkulation, nicht das Gewissen
Beobachter haben den Eindruck, dass der Präsident seine Peitsche erstmal gerne nur schwingt. Sie saust so lange nicht runter, wie Drohungen genügen, die eigentlichen Ziele zu erreichen. Vielleicht ist es so auch mit den Aufkündigungen der US-Mitgliedschaft beim Weltklimapakt sowie bei der Weltgesundheitsorganisation WHO und im UN-Menschenrechtsrat. Vielleicht kommt Trump ja eines Tages zurück – dann nämlich, wenn die USA in den Gremien wieder bedeutenden Einfluss erhielten und kein Zahlmeister wären? Nichts ist bei diesem Präsidenten unmöglich.
Großen Staub hat Trumps Erklärung aufgewirbelt, die USA würden den Gazastreifen “übernehmen”, wieder aufbauen und blühen lassen – die Bewohner sollten „anderswohin“ gehen. Das wurde weltweit als Annexionsabsicht gewertet und fast unisono abgelehnt. Außenministerin Annalena Baerbock schimpfte:
Das ist keine legitime Politik, das ist imperialer Größenwahn.
Klare Worte auch von der New York Times:
Der Gaza-Plan ist eine der dreistesten Ideen, die ein US-Staatschef seit Jahren vorgebracht hat.
Nur im Lager der israelischen Rechtsregierung unter Trumps Verbündeten Benjamin Netanjahu führte die angebliche Lösung der Palästinenser-Frage zu Jubel. Israelis von liberal bis links hingegen übten harsche Kritik.
Menschen sind kein Spielzeug. Man kann sie nicht nach Lust und Laune eines Warlords oder Megakapitalisten hin- und herschieben.”
So warnt Fania Oz-Salzberger, Tochter des meistübersetzten israelischen Schriftstellers Amos Oz.
Doch persönliche Schicksale interessieren den kühlen Rechner und Immobilienhai Trump nur am Rande. Geschäfte sind entscheidend. So, wie im Fall El Salvador. Der Präsident des mittelamerikanischen Staates, Nayib Bukele, hat den USA allen Ernstes angeboten, amerikanische Schwerverbrecher auf seinem Territorium einzusperren. Gegen eine moderate Gebühr versteht sich. Trump reagierte begeistert und will das Angebot prüfen. „Wenn wir ein gesetzliches Recht dazu hätten, würde ich es sofort tun. Ich weiß nicht, ob wir es haben oder nicht.” Was den US-Präsidenten daran reizt, ist, Kosten für den Gefängnisbetrieb und die Justizbürokratie einzusparen.
EU will nicht zahnlos sein

Für seine Gegner ist Trump ein Täuscher, der mit populistischen Parolen regiert und demokratische Institutionen untergräbt. „Die USA sind inzwischen zum Risikofaktor für die Resilienz von Lieferketten geworden. Sie beeinflussen auch Marktstrategien“, beobachtet Daniela Schwarzer, die Europachefin der Bertelsmann Stiftung. Sie rät den Europäern, drei Hausaufgaben zu erledigen:
- Erstens, einheitliche Antworten geben.
- Zweitens, die strategische Unabhängigkeit weltweit stärken.
- Drittens, sich pragmatisch auf Handelskonflikte vorbereiten.
Die EU ist ein weiteres Ziel des Donald Trump. Nach der übergriffigen Rede seines Vize JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz verstärkt sich dieser Eindruck. Ein starkes und einiges Europa ist dieser US-Administration bei dem Versuch im Wege, “America first!” durchzuziehen. Deshalb soll es politisch sturmreif geschossen werden. Ist das nun noch ein Verbündeter oder schon ein Feind? Das fragten sich düpierte Persönlichkeiten, als Vance in München von der Bühne ging.
Zahnlos will der Staatenverbund aber nicht sein. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warnte Trump vor einem möglichen Verlust von US-Jobs durch einen Handelskrieg. Eine Task Force arbeitet seit Längerem an der Vorbereitung geeigneter Gegenmaßnahmen.
Um den Gegenschlag effektiv zu kommunizieren, hat die EU die PR-Agentur DCI mit Sitz in Washington D.C. angeheuert. Sie hat enge Verbindungen zum Umfeld Trumps und gilt als „konservatives Kraftpaket für öffentliche Angelegenheiten“. DCI soll das politische Feld in Washington beackern.
Fazit:
Unabhängige Beobachter erleben den Blitzstart einer Präsidentschaft, die rund um den Erdball heftige Reaktionen auslöst. Trump bleibt ein unberechenbarer Machtmensch. Geschickt inszeniert er sich als Außenseiter, um das System für sich zu nutzen. Schauen Sie heute auf die Schlagzeilen – es könnte neue Überraschungen geben.
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