Warum ich glaube, dass Europa der eigentliche Verlierer des geplanten Iran-Deals werden könnte.

Trump Iran Deal Europa Verlierer: Donald Trump steht vor seinem Iran-Deal. Europas Politiker jubeln. Ich meine: Es drohen erheb­liche Risiken für Europa, Israel und das Volk im Iran. – Meinung.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Von Wolf Achim Wiegand (Bilder: KI)

Trump Iran Deal Europa Verlierer

Hamburg/Brüssel (waw) – Ich staune über die Euphorie, mit der zahlreiche europäische Staats- und Regie­rungs­chefs auf den Iran-Deal von Donald Trump reagieren. Endlich Frieden. Endlich Diplo­matie. Endlich kein Krieg mehr im Nahen Osten.

Ja, die Erleich­terung ist nachvoll­ziehbar. Doch sie könnte sich als fataler Irrtum erweisen.

Denn während in Brüssel, Berlin, Paris und Madrid sowie beim G7-Gipfel in Évian die Sektkorken zu knallen scheinen, beschleicht mich ein anderer Gedanke: Europa könnte am Ende der eigent­liche Verlierer dieses Abkommens sein.

Wer hat wen auf die Gleise geworfen?

Europas alte Illusion vom Frieden

Die Logik vieler europäi­scher Politiker ist simpel. Ein Waffen­still­stand oder eine Verstän­digung mit Teheran bedeutet weniger Eskalation, weniger Unsicherheit auf den Energie­märkten und weniger unmit­telbare Kriegs­gefahr. Doch genau diese kurzfristige Betrachtung hat Europa in den vergan­genen Jahrzehnten immer wieder in strate­gische Sackgassen geführt.

Der Iran ist nicht einfach ein gewöhn­licher Verhand­lungs­partner. Das Régime in Teheran hat seine Macht über Jahrzehnte durch Repression im Inneren, Stell­ver­tre­ter­kriege im Ausland und die syste­ma­tische Unter­stützung militanter Gruppen abgesi­chert. Wer glaubt, ein Stück Papier werde diese Realität grund­legend verändern, verwechselt Hoffnung mit Strategie.

Für Europa ist die Gefahr besonders groß. Während die Verei­nigten Staaten geogra­fisch weit entfernt sind, liegt die Europäische Union unmit­telbar im Einzugs­be­reich jener Krisen­region, die von irani­schen Macht­pro­jek­tionen beein­flusst wird. Schon jetzt reichen die Mullah-Raketen bis zu uns.

Der sogenannte Iran-Deal ist eine sicher­heits­po­li­tische Katastrophe und ein beispiel­loser Verrat an der irani­schen Bevöl­kerung…, während die zentralen Sicher­heits­in­ter­essen Israels vollkommen ignoriert werden.- Kaum jemand sagt es so unver­blümt wie der CDU-Sicher­heits­po­li­tiker Roderich Kiese­wetter.

Erhalt des Systems garantiert

Europa lebt vom freien Welthandel. Nun scheint es, dass Teheran und seine Verbün­deten die inter­na­tio­nalen Schiff­fahrts­routen im Nahen Osten weiter als geopo­li­ti­sches Druck­mittel einsetzen können. Damit bleiben Liefer­ketten, Energie­im­porte und die Wettbe­werbs­fä­higkeit europäi­scher Unter­nehmen einem erheb­lichen Risiko ausgesetzt. 

Ein Deal, der diese Gefahr auf den Seefahrts­routen nicht beseitigt, schafft keine Sicherheit.

Sollte Teheran durch einen Deal wirtschaftlich gestärkt werden, dürfte ein erheb­licher Teil der neuen Ressourcen nicht in Freiheit, Wohlstand oder Reformen fließen, sondern in den Erhalt des Systems. Europa könnte damit erneut den Fehler begehen, Stabi­lität mit Sicherheit zu verwechseln.

Teherans Ziele verschwinden nicht

Noch schwerer wiegt für mich eine andere Frage: Was genau wird sich durch diesen Deal eigentlich ändern?

Map of Europe and Middle East highlighting nuclear threat from Iran to Israel and Europe with cities labeled and nuclear explosion illustration

Nach allem, was bislang bekannt geworden ist, bleibt völlig offen, ob das Régime in Teheran seine strate­gi­schen Ziele tatsächlich aufgibt. Vieles spricht vielmehr dafür, dass der Iran auch künftig an den Fähig­keiten festhalten wird, die ihn dem Besitz von Atomwaffen näher­bringen könnten.

Ebenso wenig gibt es Anzeichen dafür, dass die Führung ihre Unter­stützung für islamis­tische Stell­ver­tre­ter­or­ga­ni­sa­tionen in der Region beendet: Hamas, Hisbollah, Huthi. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass die ideolo­gische Feind­schaft gegenüber Israel plötzlich verschwunden wäre.

Wenn aber Atomam­bi­tionen, Terror-Export und die Bereit­schaft zur gewalt­samen Konfron­tation mit dem jüdischen Staat fortbe­stehen, dann stellt sich die Frage, welchen Preis Europa und Israel für diesen vermeint­lichen Frieden am Ende zahlen werden.

Verratenes Volk, verlorene Hoffnung

Besonders bitter erscheint mir das Schicksal jener Irane­rinnen und Iraner, die in den vergan­genen Jahren unter enormen persön­lichen Risiken für Freiheit und Demokratie gekämpft haben. Tausende wurden verfolgt, inhaf­tiert oder getötet – Schät­zungen reden von 40.000 Opfern bei den Demons­tra­tionen in diesem Jahr. Millionen Menschen haben Hoffnung in die Möglichkeit eines politi­schen Wandels gesetzt.

Nun wird genau diesen Menschen die Botschaft übermittelt, dass geopo­li­tische Inter­essen wichtiger sind als ihre Opfer.

Das iranische Volk hat einen hohen Preis bezahlt. Viele glaubten, die inter­na­tionale Gemein­schaft würde den Druck auf das Régime aufrecht­erhalten. Statt­dessen könnte sie ihm nun neue wirtschaft­liche Luft verschaffen. Die Menschen, die für Freiheit demons­trierten, stehen womöglich erneut mit leeren Händen da.

Warum Israel den Deal fürchten muss

Two men in suits confront each other over a glowing cracked nuclear symbol on a table

Auch Israel betrachtet den Deal über die politi­schen Lager hinweg zu Recht mit Abscheu und Entsetzen. Nach allem, was in den vergan­genen Jahren geschehen ist, fällt es schwer nachzu­voll­ziehen, weshalb Jerusalem eine Verein­barung begrüßen sollte, die dem irani­schen Régime neue Handlungs­spiel­räume eröffnen könnte.

Die Gefahr besteht nicht darin, dass der Krieg endet. Die Gefahr besteht darin, dass die Ursachen des Konflikts unange­tastet bleiben.

Israel hat immense politische, militä­rische und gesell­schaft­liche Belas­tungen getragen. Wenn am Ende ein Abkommen entsteht, das Teheran inter­na­tionale Legiti­mität verschafft, ohne dessen strate­gische Ambitionen dauerhaft einzu­schränken, könnte sich die Sicher­heitslage Israels langfristig sogar verschlechtern. Ein einge­fro­rener Konflikt ist nicht automa­tisch ein gelöster Konflikt.

Trump handelt für Amerika

Genau deshalb irritiert mich die fast reflex­hafte Begeis­terung vieler europäi­scher Politiker. Sie erinnert an jene Momente der europäi­schen Außen­po­litik, in denen Wunsch­denken die nüchterne Analyse ersetzt hat.

Europa feiert mögli­cher­weise einen diplo­ma­ti­schen Erfolg, dessen Rechnung erst später präsen­tiert wird.

Donald Trump verfolgt dabei vor allem US-Inter­essen. Das ist weder überra­schend noch verwerflich. Seine Anhänger wählten ihn nicht, um europäische Sicher­heits­be­dürf­nisse zu beachten. Sie machten das Kreuz für ihn, weil er ameri­ka­nische Inter­essen durch­setzen sollte.

Europa könnte die Rechnung bezahlen

Wooden signpost with arrows to Europe, Washington DC, and Tehran at a rainy crossroads with storm clouds and lightning

Umso erstaun­licher ist es, dass viele europäische Regie­rungen so wirken, als hätten sie ihre eigenen Inter­essen aus den Augen verloren.

Denn wenn sich der Deal als brüchig erweist, wenn der Iran wirtschaftlich erstarkt, wenn die Repres­si­ons­ma­schi­nerie im Inneren weiter­läuft und wenn neue sicher­heits­po­li­tische Risiken entstehen, dann werden die Konse­quenzen nicht zuerst in Washington spürbar sein.

Sie werden Europa treffen.

Man darf dem Mullah-Régime nicht über den Weg trauen. Es war, ist und bleibt ein verbre­che­ri­sches, dikta­to­ri­sches System –, verant­wortlich für unermess­liches Leid und Elend in der Region und weit darüber hinaus.Michael Roth, ehema­liger außen­po­li­ti­scher Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Deshalb halte ich den Jubel mindestens für verfrüht, wenn nicht für naiv oder verlogen. Frieden ist immer besser als Krieg. Aber nicht jeder Deal schafft Frieden. Manche Verein­ba­rungen verschieben Konflikte lediglich in die Zukunft – und machen sie dort noch gefährlicher.

Die Geschichte des Nahen Ostens ist voll von solchen Beispielen. 

Trump Iran Deal Europa Verlierer

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