Europa Israel Beses­senheit: Europa beobachtet Israel mehr und schärfer als andere Konflikte. Meine Analyse über politische Schief­lagen, Antise­mi­tismus, Protest­kultur und Medienverzerrung.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Von Wolf Achim Wiegand (Bilder: KI)

Europa Israel Besessenheit

Hamburg/London (waw) – Es gibt derzeit kaum ein außen­po­li­ti­sches Thema, das europäische Politiker, Aktivisten, Medien und gesell­schaft­liche Debatten so sehr zu beschäf­tigen scheint wie Israel. Kaum eine Woche vergeht ohne neue Resolu­tionen, Verur­tei­lungen, Demons­tra­tionen, Boykott­aufrufe oder mediale Schwerpunktsetzungen.

Ein überproportionaler Fokus

Betrachtet man die Vielzahl globaler Krisen­herde, drängt sich eine Frage auf: Warum richtet sich ein derart überpro­por­tio­naler Fokus auf den einzigen jüdischen Staat der Welt? Es gibt noch einige andere Konflikt­herde, die brennen – Russlands Angriffs­krieg gegen die Ukraine, zuneh­mende Aggres­si­vität Chinas gegenüber Taiwan, der Krieg Iran/USA oder zahllose vergessene Konflikte:

  • 1. Sudan – Bürger­krieg: Millionen Menschen auf der Flucht.
  • 2. Demokra­tische Republik Kongo – Ewiger Krieg: Armee, Milizen, Rebellen wollen Terri­torium, Rohstoffe, Macht.
  • 3. Myanmar – Bürger­krieg nach dem Militär­putsch: Junta und Wider­stand lassen politische Ordnung zerfallen.
  • 4. Sahel-Zone – Flächen­brand in Afrika: Islamisten, Milizen und Armeen töten, zerstören, vertreiben.
  • 5. Äthiopien – Konflikt nach dem Tigray-Krieg: Bewaffnete Konflikte bedrohen Stabi­lität des gesamten Horns von Afrika.
  • 6. Jemen – Stiller Dauer­krieg: Seit 2014 hat sich eine der größten humani­tären Weltkrisen entwickelt.
  • 7. Mosambik – Aufstand in Cabo Delgado: Seit 2017 kämpfen Islamisten gegen Staat und Sicherheitskräfte.
⤴️ Als Sohn eines jüdischen Holocaust-Flücht­lings ist der ehemalige britische Minister Lord Austin ein lautstarker Verfechter Israels: „In den letzten Jahren hat das Parlament mehr über Israel disku­tiert als über jedes andere Thema – nicht nur mehr als über andere inter­na­tionale Themen, sondern sogar mehr als über unsere Wirtschaft, Arbeits­lo­sigkeit, Krimi­na­lität oder Gesundheit. Das ist völlig verrückt.“

Nach dem 7. Oktober: Eskalation der Debatte

Warum also bei so viel mehr unermess­lichem Leid in der Welt alle Augen auf Israel? Die Antwort ist unbequem. Sie liegt nicht allein in der geopo­li­ti­schen Bedeutung Israels. Sie liegt auch nicht ausschließlich in der Tragik des Nahostkonflikts.

Vielmehr offenbart die europäische Debatte eine bemer­kens­werte Obsession. Sie erscheint häufig weniger von nüchterner Analyse als von morali­scher Projektion geprägt.

Seit dem Terror­an­griff der Hamas vom 7. Oktober 2023 befindet sich Israel in einer sicher­heits­po­li­ti­schen Ausnah­me­si­tuation. Über 1.000 Menschen wurden ermordet, Hunderte verschleppt, ganze Familien ausgelöscht.

Dennoch verschob sich die öffent­liche Debatte in vielen europäi­schen Ländern innerhalb weniger Monate nahezu vollständig. Erst war die Frage, wie ein demokra­ti­scher Staat auf einen der schwersten Terror­an­griffe seiner Geschichte reagieren darf. Daraus wurde die Frage, wie weit man Israel kriti­sieren, sanktio­nieren oder isolieren sollte. Europa ist in dieser Frage scharf gespalten.

Auf der einen Seite stehen Regie­rungen wie die von Spanien, deren linker Regie­rungschef Pedro González (Sozia­listen) kaum einen Tag ohne Fiesig­keiten gegen Israel verstreichen lässt. Auf der anderen halten Länder wie Tsche­chien die Stellung. Außen­mi­nister Petr Macinka (Motoristé sobě) erklärt, er werde selbst EU-Sanktionen gegen den umstrit­tenen israe­li­schen Sicher­heits­mi­nister Itamar Ben-Gvir blockieren. 

Und dazwi­schen pustet Frank­reichs Präsident Emmanuel Macron derart mit Sprech­blasen aus dem Elysee-Palast herum, als könne er inmitten des Trump-Getrampels bei irgend­jemand Gehör finden… Die Israelis können es sich im Existenz­kampf schon gar nicht leisten, wohlfeile Ratschläge von wem auch immer zu erhalten, denn bei Ihnen geht es nicht um papierene Erklä­rungen, sondern ums Überleben:

„Trump neigt dazu, uns Israelis öffentlich wie Vasallen zu behandeln, die jedem seiner Befehle gehorchen müssen. Es stellt sich daher die Frage, ob Israel unter allen Umständen und um jeden Preis den Forde­rungen des Weißen Hauses nachkommen muss.“Michael Oren, Histo­riker, Ex-Botschafter Israels in den USA, einst Politiker, Gründer der Israel Advocacy Group

Selbst­ver­ständlich müssen demokra­tische Gesell­schaften das Handeln jeder Regierung kritisch hinter­fragen dürfen – auch das der israe­li­schen. Doch auffällig ist die Asymmetrie.

Proteste und Radikalisierung in Europa

Während autoritäre Régime oft geringe Aufmerk­samkeit erhalten, wird jede militä­rische Entscheidung Israels zum Gegen­stand inter­na­tio­naler Empörung. Resolu­tionen gegen Israel gehören inzwi­schen zur politi­schen Routine. In vielen Parla­menten und inter­na­tio­nalen Organi­sa­tionen entsteht der Eindruck, als sei die Stabi­lität des Weltfriedens primär von den Entschei­dungen Jerusalems abhängig.

Crowd holding Palestinian flags and signs protesting for freedom against police with shields and lights

Parallel zum Diskurs der Politik hat sich auf Europas Straßen eine Protest­kultur etabliert, die zunehmend radikalere Züge annimmt. Israe­lische Flaggen werden verbrannt, Polizisten grob beschimpft. 

Im Hintergund arbeitet eine unheil­volle Szene mit engen Verbin­dungen zu den Terror­gruppen Hamas und Hisbollah. Kürzlich hat das Kammer­ge­richt Berlin vier Aktive der islamis­ti­schen Hamas-Terro­risten zu bis zu sechs Jahren Haft verur­teilt. Sie hätten europaweit Anschläge auf Israelis und Juden geplant, sagte die Richterin.

Klar, nicht jede Solida­ri­täts­be­kundung mit den Paläs­ti­nensern ist extre­mis­tisch. Millionen Menschen wünschen sich friedlich ein Ende des Leids der Zivil­be­völ­kerung in Gaza.

Antisemitismus als gesellschaftliches Warnsignal

Doch ebenso wenig lässt sich ignorieren, dass sich unter den Demons­tra­tionen immer wieder Gruppen finden, die terro­ris­tische Organi­sa­tionen relati­vieren. Sie recht­fer­tigen Gewalt oder verbreiten offen antise­mi­tische Parolen. So überschreiten sie häufig die Grenze zwischen legitimer Kritik an israe­li­scher Politik und der Dämoni­sierung des jüdischen Staates.

Besonders alarmierend ist eine Entwicklung, die weit über die Nahost­po­litik hinausgeht. Juden außerhalb Israels sind zunehmend die Zielscheibe eines Konflikts, für den sie persönlich keinerlei Verant­wortung tragen. Jüdische Schulen benötigen Polizei­schutz. Synagogen werden bewacht. Aber auch angezündet.

Viele Juden verzichten mittler­weile darauf, religiöse Symbole wie den David­stern offen zu tragen. Univer­si­täten melden steigende Fälle antise­mi­ti­scher Beläs­ti­gungen – ganze Fachbe­reiche wollen israe­lische Wissen­schaftler und Partner rauskegeln. 

In zahlreichen Ländern regis­trieren Sicher­heits­be­hörden einen drasti­schen Anstieg antise­mi­ti­scher Straf­taten. Auch in Deutschland.

Ob in Großbri­tannien – Italien oder Frank­reich – jüdische Menschen haben im Alltag spürbare Probleme. Sie erleben Belei­di­gungen, Bedro­hungen, und Gewalt. In mehreren Städten Europas kam es in letzter Zeit zu Angriffen auf Synagogen, jüdische Schulen und Einrich­tungen. Jüdische und israe­lische Restau­rants mussten schließen. Israe­lische Touristen werden drangsaliert. 

Diese Entwicklung sollte Europa erschüttern. Sie wird aber häufig relati­viert oder als unver­meid­liche Begleit­erscheinung einer emotio­nalen Debatte behandelt. Doch Antise­mi­tismus bleibt Antise­mi­tismus – unabhängig davon, ob er von rechts­ra­di­kalen Gruppen, islamis­ti­schen Milieus oder links­ra­di­kalen Aktivisten ausgeht.

Medien, Narrative und Verzerrung

Western reporter in front of camera shielded by Palestinian terrorist

Wer Juden für Handlungen der israe­li­schen Regierung verant­wortlich macht, repro­du­ziert ein Denkmuster, das Europa eigentlich längst überwunden haben wollte. Immerhin: Laut einer Umfrage halten mehr als die Hälfte der Europäer den Antise­mi­tismus für ein ernstes Problem.

Hinzu kommt die Rolle eines Teils der Medien­land­schaft. Die Jagd nach Aufmerk­samkeit, Emotio­na­li­sierung und morali­scher Eindeu­tigkeit begünstigt verein­fa­chende Narrative. Komplexe militä­rische, histo­rische und politische Zusam­men­hänge werden oft auf Täter-Opfer-Schemata reduziert.

Bilder ersetzen Kontext. Schlag­zeilen verdrängen Diffe­ren­zierung. Das Ergebnis ist eine öffent­liche Debatte, die immer stärker von Emotionen und immer weniger von Fakten geprägt wird.

Die Frage lautet nicht, ob Israel kriti­siert werden darf. Natürlich darf es das. Die entschei­dende Frage ist vielmehr, warum Israel in Europa so häufig nach anderen Maßstäben beurteilt wird als nahezu jeder andere Staat.

Europas Selbstbild im Spiegel Israels

Warum entfaltet ausge­rechnet dieser Konflikt eine politische und gesell­schaft­liche Aufmerk­samkeit, die in keinem Verhältnis zu vielen anderen globalen Krisen steht? Warum scheint die Existenz­be­rech­tigung Israels regel­mäßig Gegen­stand öffent­licher Diskus­sionen zu sein? Die Existenz anderer Staaten wird doch kaum jemals grund­sätzlich infrage gestellt.

Europa sollte sich diesen Fragen stellen. Denn die Fixierung auf Israel sagt inzwi­schen mögli­cher­weise mehr über Europa selbst aus als über den Nahen Osten. Sie offenbart eine Mischung aus histo­ri­schem Schuld­gefühl, morali­schem Sendungs­be­wusstsein, politi­scher Symbol­po­litik und ideolo­gi­scher Lagerbildung.

Vor allem aber offenbart sich eine gefähr­liche Blindheit gegenüber dem Wieder­auf­leben antise­mi­ti­scher Ressentiments.

Europa Israel Besessenheit

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