Topic dieses Blogs: Die UN-Rede von Donald Trump hat mehr vergiftet, als genützt. Für Deutschland und Europa bleibt der US-Präsident ein Unsicher­heits­faktor. Und damit eine schwierige Aufgabe für die nächste Bundesregierung.

Trump macht den Kim Jong Un 

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg (waw) – Er hat es wieder gemacht. Bei seiner Jungfernrede vor den Vereinten Nationen trat Donald J. Trump ganz im Stil seiner aggres­siven Antrittsrede als US-Präsident auf. Seine giftige Textre­zeptur bestand aus Kriegs­dro­hungen, Beleh­rungen über Gut und Böse und Angriffen auf die Kunst der Diplomatie.

Nordkorea-Kim Yon Un--1
Kim Jong Un

Einige Passagen der 42minütigen Rede glichen ausge­rechnet der Rhetorik des nordko­rea­ni­schen Diktators Kim Jong Un, den Trump zu einem seiner Erzfeinde zählt. Unterste Schublade etwa, als Trump den atomsüch­tigen Kim vor dem UNO-Publikum als „Rocket man“ verhöhnte. Bewegt man so einen aggres­siven Diktator an den Gesprächs­tisch oder liefert man ihm neue Propa­ganda-Nahrung? Pyöngjang hat jeden­falls nur gelacht.

RocketMan-löschen
“Rocket Man”, Elton John

Ein Geheimnis bleibt übrigens, woran Trump bei seinem Vergleich dachte. War es der promi­nente ameri­ka­nische Stuntman Dan Schlund, der tatsächlich mit einem raketen­ähn­lichen Antrieb durch die Lüfte fliegt? Oder hatte er Elton Johns Song „Rocket Man“ im Sinn? In dem heißt es ja passend: „Ich bin nur ein Astronaut, dem hier oben vor lauter Einsamkeit die Sicherung durchbrennt…“

Trump stülpt Weltordnung um

Das Problem mit Trump ist nach Ansicht von Beobachtern, dass er nach wie vor in der Kategorie „America First“ denkt – und das vor der UNO-Vollver­sammlung nochmals ausdrücklich bestätigt hat. Es ist letztlich ein Affront gegen die Verbün­deten, denn der Republi­kaner weigert sich schlicht, auf andere Sicht­ebenen herab­zu­steigen. Das gilt besonders für das inter­na­tionale Atomab­kommen mit dem Iran, bei dem die Bewertung etwa zwischen der Europäi­schen Union und dem Weißen Haus diametral ausein­an­der­klafft.

Von oben herab kam auch Trumps Ratschlag an die bei der UNO versam­melten Regie­rungen der Welt, “auch Sie sollten immer zuerst an ihre Länder denken“. Das klingt wie eine Absage an die hohe Kunst des Inter­es­sen­aus­gleichs. Frank­reichs Präsident Emmanuel Macron wider­sprach denn auch deutlich: Heraus­for­de­rungen könnten „nur gemeinsam bewältigt werden und nicht durch die Strategie ‚survival of the fittest‘.

Rhodes-löschen

Trump stülpt die Weltordnung und die jahrzehn­te­lange Führungs­rolle der USA um“, twitterte Obamas früherer Politik­be­rater und Reden­schreiber Ben Rhodes entsetzt: “Trump entfremdet die USA von unseren Verbün­deten und nimmt eine Position ein, die weltweit keine Unter­stützer haben wird.“

Schwedens Außen­mi­nis­terin Margot Wallström nannte die Rede „natio­na­lis­tisch“. Lob kam nur von Israels Regie­rungschef Benjamin Netanjahu, aus Südkorea – und von Russland, dessen Außen­mi­nister Sergei Lawrow von Trumps Rede befriedigt mitnahm, „dass die USA anderen ihren Lebensstil nicht aufdrücken wollen.“

Schweiß­perlen in Berlin? 

Moskau ist offen­sichtlich deshalb so zufrieden mit der Trump‘schen UNO-Rede, weil der das Thema Russland mit keinem Wort erwähnte. Und das, obwohl der Kreml in vielen Punkten mit dem Westen über Kreuz liegt, weil es Grund­prin­zipien der europäi­schen Sicher­heits­ordnung missachtet. Europa, das derzeit etwas ratlos darüber ist, wie es auf Putin reagieren soll, hätte sich Vorschläge dafür gewünscht, wie die dominie­rende NATO-Macht künftig mit Moskau umzugehen gedenkt.

Es ist zu befürchten, dass das Schweigen Trumps mit den laufenden Ermitt­lungen über russische Einfluss­nahme auf den US-Wahlkampf zusam­men­hängt. Die haben nämlich längst den engsten Zirkel des Präsi­denten erreicht. Es wäre natürlich äußerst fatal, wenn ein drohender neuer Großkon­flikt wegen persön­licher Verwick­lungen der US-Führung in Washington unbear­beitet bliebe.

löschen-1Selten war in Deutschland das Medienecho auf die Rede eines US-Präsi­denten so negativ, wie nach diesem Auftritt Trumps vor der Weltge­mein­schaft. Die „Stutt­garter Zeitung” kriti­siert: “Trump gefiel sich in der Macker-Pose.” Die “Rheinische Post” konsta­tiert: „Stolz auf seine Unbere­chen­barkeit, führt sich der US-Präsident auf, als wäre nichts dabei, eben mal mit der totalen Zerstörung eines ganzen Landes zu drohen.” Und die “Neue Westfä­lische” meint: “Trump nutzte die General­ver­sammlung als Plattform für Cowboy-hafte Drohungen.

löschen-1

Wie auch immer die neue Bundes­re­gierung nach der Wahl am 24. September 2017 aussehen mag – Trump bleibt ein dicker Klotz, den der künftige deutsche Außen­mi­nister weiter­be­ar­beiten muss. Das könnte in Berlin noch viel Schweiß fließen lassen.

Hier Wortlaut der Trump-Rede zum Nachlesen: http://ogy.de/0arm


Entdecke mehr von http://www.european.expert

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E‑Mail zu erhalten.