Alle in Europa wählen rechts, scheint’s. Nicht so in Großbritannien. Das Land von König Charles III. wird nach einem erbitterten Wahlkampf am nächsten Donnerstag wohl sicher sozialdemokratisch wählen. Dennoch spielt ein rechter Populist mit. Er könnte aber eher die bislang regierenden Konservativen des Premiers Rishi Sunak zerschmettern, als die siegesgewisse Labour Party unter Keir Starmer …
Titelbild: KI-generiert
Hamburg / London (waw) – Erst flog an der Pier des englischen Badeortes Clacton ein Bananen-Milchshake auf den feinen Nadelstreifen-Maßanzug des Kandidaten. Dann versuchte jemand in einem Londoner Doppeldeckerbus denselben Mann mit frisch angerührtem Flüssigzement zu übergießen – traf sein Ziel aber nicht. Der Angegriffene erlitt beide Male keinen Schaden – außer Flecken und Spritzern auf dem feinen Gewand.
Die junge Frau, die den Shake geschleudert hatte, wurde wegen Körperverletzung angeklagt. Angeblich juckt sie das nicht – sie habe 40.000 Pfund durch neue Abonnenten ihres SocialMedia-Kanals verdient, sagt sie. Entschuldigen will sie sich auf keinen Fall:
Ich hatte einfach Lust, den Becher zu werfen. Ich bereue es nicht.
Sowohl die Bananen- wie die Zementattacke galten dem smarten Parlamentskandidaten Nigel Farage. Der spaltet das Land wie kein anderer Bewerber um ein politisches Amt.
Die Vorfälle sprechen Bände über die Stimmung im Lande Ihrer Majestät King Charles III. Dort ist der Wahlkampf in Großbritannien ein großes Hauen und Stechen. Am Donnerstag, 4. Juli 2024, können 47 Millionen Berechtigte entscheiden, welche von 4.515 Kandidaten einen von 650 Sitzen im Unterhaus bekommen sollen.
Wahlkampf: Es liegt Umsturz in der Luft
Für eine Menge Leute in diesem britischen Wahlkampf geht es ums Ganze. Umfragen und Wettbüros sagen den regierenden Konservativen von Premierminister Rishi Sunak eine historische Wahlniederlage voraus. Die sozialdemokratische Labour Party mit Oppositionsführer Keir Starmer hingegen könnte einen Kantersieg einfahren. Das ist eine Folge der desaströsen wirtschaftlichen und sozialen Lage.
Aber – da ist ja noch der dritte Mann, jener, der den Bananen-Milchshake und die Zementspritzer abbekommen hat: Farage, der rhetorisch diabolisch-geniale Populist. Der ist in England, Schottland, Wales und Nordirland bekannt wie ein bunter Hund, trägt den Beinamen „Mr. Brexit“ und gilt als Enfant Terrible der Politik. Denn wo Farage ist, da kann es jederzeit trouble geben.

Farage war mal Europaabgeordneter. Damaliges Ziel: Die EU von innen heraus zu zerstören. Schon 1992 war er wegen des Maastricht-Vertrags aus der konservativen Partei ausgetreten. Bei der Brexit-Volksabstimmungskampagne, die am 23. Juni 2016 mit der Zustimmung zur Scheidung zwischen Kontinentaleuropa und UK endete, war er der lauteste Lautsprecher.
Inzwischen als Radiomoderator abgetaucht will Farage nun im Wahlkampf als Chef der rechtsnationalen Partei „Reform UK“ wieder eine „politische Revolte“ anführen. Ein “Vertrag mit dem Volk” soll ihm ermöglichen, ganz, ganz große Brötchen zu backen – in drei Schritten. Erst will Farage einen Parlamentssitz gewinnen. Zweitens soll seine Partei die Konservativen überflügeln, womit er Oppositionsführer wäre. Und drittens: Bald Premierminister werden.
Mehr Wohlstand – das wollen sie im Wahlkampf alle
Sunaks heftig angeschlagenen Konservativen fällt es im Trommelfeuer von Rechts und Links schwer, sich siegesgewiss zu präsentieren. Tapfer versuchen sie, ihr Ziel einer „Eigentumsgesellschaft“ zu verkünden. Das Versprechen, innerhalb von fünf Jahren 1,6 Millionen Wohnungen zu bauen, glaubt kaum noch jemand. Zu oft hat Sunak politische Ziele verfehlt, zu teuer sind Lebenshaltungskosten und Mieten geworden.

Labour mit dem früheren Staatsanwalt Starmer an der Spitze will laut Wahlmanifest auch die „Schaffung von Wohlstand”. Das solle – so verkünden es die Labour-Kandidaten im Wahlkampf – durch schuldenfinanzierte Staatsausgaben gelingen, um den Reformstau bei der Infrastruktur abzubauen. Dazu gehören “grüne” Investitionen zur klimagerechten Modernisierung von Häusern und für Wasserstoff.
Das Thema mit dem größten Erregungsfaktor ist aber die Migration. Das ist besonders deutlich an der britischen Südküste, wo man eher konservativ denn links denkt. Aber dort haben im ersten Halbjahr mindestens 12.000 Menschen illegal den Ärmelkanal überquert. Und das ist ein Problem für Sunak. Denn sein Plan, “irreguläre Migranten, die mit kleinen Booten ankommen”, umgehend nach Afrika abzuschieben, steht nur auf dem Papier.
Meinungsforschern zufolge fühlen sich in Südengland Millionen Menschen im Stich gelassen. “Unsere Gemeinde fühlt sich nicht mehr wie unsere Gemeinde an,“ räumt Stephen James ein, der örtliche Kandidat der Konservativen. Viele Ankömmlinge hängen in den kleinen Küstenorten herum und irritieren eine Bevölkerung, die sehr weit von Wohlstand entfernt ist. Hauptstraßen sind oft gähnend leer, ganze schaufensterreihen verfallen oder sind stillgelegt.
Verlassenheitsgefühle am Ärmelkanal
Davon, dass der Hafen von Dover über 70 Prozent des britischen Überseehandels abwickelt, merken die Stadt und die umliegenden Gemeinden wenig. Stattdessen klagen sie über mangelnde Ausstattung von Schulen, ungenügende Gesundheitsversorgung und Finanznot der Kommunen. Das schafft Vorurteile und Unmut angesichts Fremder, die die keinem Job nachgehen und alimentiert werden.

Auch die Labour Party verspricht im Wahlkampf Abhilfe gegen die Migration. Starmer will eine leicht aufgestockte Grenztruppe auf den Ärmelkanal schicken, um Geflüchtete aus afrikanischen und arabischen Ländern mit Schnellbooten aufzuhalten. Ob das das richtige Rezept ist, bezweifeln viele – allen voran Farage.
Clacton, der Wahlkreis Farages, ist ein etwas abgelegener Nordsee-Badeort nahe vom Ausgang des Ärmelkanals, in dem überwiegend ältere Menschen leben. Hier entwickelte das erzkonservative Farage-Vorbild Enoch Powell 1969 erste Gedanken gegen eine Annäherung Großbritanniens an den europäischen Kontinent. Und er wetterte gegen die damalige Masseneinwanderung aus britischen Ex-Kolonien.
Heute sind Briten mit überseeischen Wurzeln ein mitentscheidender Faktor der Politik. Sunak ist ein lebendes Beispiel dafür, wenngleich er in Southampton als Sohn gebildeter Inder geboren wurde, die aus Südafrika kamen. Heute ist der einstige Hedgefonds Manager einer der reichsten Briten. Seine Frau Akshata ist Erbin des milliardenschweren Vermögens einer indischen Unternehmer-Familie. Als erster Premier bekennt sich Sunak zum Hinduismus. „Mein Glauben gibt mir Kraft, weiterzumachen,” plauderte er kürzlich aus.
Der dritte Mann mischt alles auf
In letzter Zeit ist Sunak arg in Fettnäpfchen getreten. An einem der wichtigsten Gedenktage Großbritanniens, dem 80. Jahrestag der Alliierteninvasion am Ärmelkanal (D‑Day), verließ er vorzeitig die Feier in Nordfrankreich mit Gastgeber Manuel Macron, US-Präsident Joe Biden und Olaf Scholz. Grund: Ein Interviewtermin. Farage nutzte das D‑Day-Desaster zum Großangriff: Der „britisch-indische“ Premier habe bewiesen, dass er „kein patriotischer Führer“ und “völlig abgehoben” sei. Sunak kroch tatsächlich zu Kreuze: „Im Rückblick war es ein Fehler, und ich entschuldige mich.“
Eines ist klar: Farages Kandidatur wirbelt die politische Agenda zwischen Shetlandinseln und Kreidefelsen durcheinander. Doch der Stockkonservative könnte sich auch verrechnen und als bester Wahlhelfer der Sozialdemokraten enden. Dann nämlich, wenn er den Torys zwar massenhaft Stimmen wegnimmt, damit aber das Traditionalistenlager so spaltet, dass vielerorts Labour-Kandidaten ins Ziel kommen. Im britischen Mehrheitswahlsystem bedeutet der Gewinn von Millionen Stimmen nicht zwangsläufig den Sieg.
Beim Premierminister in der Downing Street No. 10 klingeln indessen Alarmglocken. Jede Stimme für Farages Partei Reform UK sei ein „Blankoscheck“ für Labour, malt er als Schreckensbild an die Wand. Dem Vereinigten Königreich drohe eine Labour-“Supermajorität”.

In der Tat dürfte Starmer nach dem Wahlkampf neuer Premierminister werden. Der 61-jährige ist seit 2020 Labour-Vorsitzender. Seine Partei führte er von einem hart linken Kurs zur gemäßigten Mitte und akzeptiert die Einstufung als „rotgrün“. Als Oppositionschef trägt der Sohn einer Krankenschwester und eines Werkzeugmachers den Titel „Leader of His Majesty’s Most Loyal Opposition“. Beobachter erwarten, dass der Gegner des Brexits ein gutes Verhältnis zur EU anstrebt.
Wann kommt der vierte Mann aus der Deckung?
Starmers Gegenpol, der vor Ehrgeiz platzende Farage, muss seit Kurzem die Aufmerksamkeit mit einem Schattenmann teilen, der auch als Aufrührer gilt: Der in Ungnade gefallene Ex-Premierminister Boris Johnson.
Nach Angaben seines Biographen Andrew Gimson will „Greased Piglet” – „geschmiertes Ferkel“, wie ihn Londoner Medien titulieren – zurück an die Macht.
Das soll geschehen, indem Johnson sich zu Hause im Lehnstuhl zunächst das Chaos nach einer monumentalen konservativen Niederlage anschaut, um dann eines Tages im richtigen Moment als Tory-Retter zuzuschnappen. Johnson hat den Torys schon einmal in einem Wahlkampf die größte Mehrheit seit Jahrzehnten geholt. Der gerade erst 60 Jahre alt gewordene Vollblutpolitiker fühlt sich jedenfalls unterbeschäftigt und hat Gelüste, als Kai aus der Kiste wiederzukommen.

Aber:
Alles kann auch ganz anders kommen. Harold Macmillan, britischer Premierminister (1957 – 1963), definierte einmal gegenüber einem Journalisten die größte Herausforderung für Politiker so:
Ereignisse, lieber Junge, Ereignisse!
Für Nigel Farage war es übrigens nicht das erste Mal, dass er bei einem Wahlkampfauftritt mit einem Milchshake beworfen wurde. Laut “Guardian” flog im Jahr 2019 als Vorsitzender der Brexit-Partei bei einem Rundgang in Newcastle ein Takeaway-Mixgetränk mit Banane und gesalzenem Karamell auf ihn. Der Täter musste Entschädigung für ein zu Bruch gegangenes Ansteckmikrofon zahlen.
Im selben Jahr erkannte das renommierte Wörterbuch Collins Dictionary den Begriff “Milkshaking” offiziell an. Seitdem ist die Bezeichnung fürs Übergießen von Personen des öffentlichen Lebens mit Milchmix ein Bestandteil des englischen Dudens – zumindest damit hat sich Farage also schon mal in die Geschichte eingeschrieben…
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