Immer wieder donnerstags publiziere ich meine Kurzkolumne “Wiegands Wahl Watch” im Printformat von FORUM – Das Wochenmagazin. Es geht um den Europawahlkampf und die Europawahl am 9. Juni. Was tut sich in den 27 EU-Ländern?
Sie können das auch online lesen. Hier Ausgabe 12 / 2024:
Auf dem Weg zur EU-Wahl

Mit markigen Worten hat Ungarns Regierungschef Victor Orbán den Europawahlkampf in seinem Land eröffnet. Vor seiner Fidesz-Partei rief der mit Zweidrittel-Mehrheit in Budapest regierende Rechtsnationalist dazu auf, Brüssel „zu besetzen“. Die EU-Beamten müsse man „beiseiteschieben“ und die Dinge „selbst in die Hand nehmen“.
Die Europäische Union sei eine repressive Kraft, behauptete der Regierungschef eines Landes, das nach amtlichen Zahlen mit rund 4,6 Milliarden Euro der viertgrößte Nettoempfänger der EU ist. Konkret: Ungarn trägt rund 1,5 Milliarden Euro für den gemeinsamen Haushalt ein, bekommt aber 6,1 Milliarden Euro ausgezahlt. Beobachter fragen sich, wie es dann kommt, dass das Land von Puszta, Gulasch und Paprika an einer angeschlagenen Wirtschaft krankt.
Orbán, dem die politischen Gegner ankreiden, Rechtsstaatlichkeit zu schleifen und Korruption zuzulassen, hat im Europawahlkampf ein klares Ziel. Er und seine Verbündeten vom polnischen Ex-Regierungschef Mateusz Morawiecki bis hin zur AfD wollen die Kräfte der extremen Rechten in der EU stärken. Um das zu erreichen, nutzen sie im Europawahlkampf verbreitete Ängste wegen Einwanderung, Genderpolitik oder Klimamaßnahmen.

Nach der EU-Wahl am 9. Juni wird sich das rechte Lager neu sortieren. Es will im künftigen EU-Parlament mehr Einfluss haben. Die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen dürfte nach dem Europawahlkampf dazustoßen. Sie alle eint die Abneigung gegen ein engeres Zusammenrücken der EU und die Vision einer reformierten EU mit starken Nationalstaaten. Und das in Zeiten, in denen politische Erschütterungen nicht gerade Zersplitterung, sondern Kooperation erfordern.
Bastion des Euroskeptizismus im Europawahlkampf
Unklar ist die Rolle der postfaschistischen italienischen Partei Fratelli d’Italia (FdI) von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Sie spielt in der EU bislang eine unerwartet gemäßigte und konstruktive Rolle. Meloni soll Neigungen haben, mit den europäischen Christdemokraten (EVP) zu kooperieren. Man sagt ihr Nähe zu EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach. Es scheint, als akzeptiere Meloni anders als Orbán & Co christdemokratische Grundpfeiler: pro-Europa, pro-NATO, pro-Ukraine.
Ungarn, das ausgerechnet wenige Wochen nach der Wahl die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen wird, scheint indessen eine unverrückbare Bastion des Euroskeptizismus zu bleiben. Rund 14 Jahre nach Machtantritt Orbáns verhindern EU-weit einmalig strikte Mediengesetze, dass die Opposition sich hörbar machen kann. Das hat Folgen: Nach Angaben des Fernsehsenders Euronews messen viele Bürger der Europawahl keine große Bedeutung bei. Gut möglich, dass viele gar nicht zur Wahl gehen werden.
Immerhin: Bei jungen Ungarn scheint das Interesse an dem 27-Staaten-Verbund, der dem ehemaligen Ostblockland enorme Förderungen bei Modernisierung und Ausbau der Infrastruktur angedeihen ließ, etwas größer als im Durchschnitt zu sein. Es wird wohl erst der Zahn der Zeit an dem mitten in Europa liegenden und doch so von der EU abgewandten Land knabbern müssen, bis neue Kräfte erstarken. Bis dahin muss die EU klären, wie sie mit einem Mitglied umgeht, das sich ständig vom Grundkonsens lossagt.
Nächste Woche mehr.
Wolf Achim Wiegand ist freier Journalist mit EU-Spezialisierung.
Entdecke mehr von http://www.european.expert
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E‑Mail zu erhalten.
