Europawahl 2024: Immer donnerstags publiziere ich meine Kurzkolumne “Wiegands Wahl Watch” im Printformat von FORUM – Das Wochenmagazin. Es geht um den Stimmenkampf für die Europawahlen am 9. Juni. Was tut sich in den 27 EU-Ländern?
Sie können das auch online lesen. Hier Ausgabe 10 / 2024:
Auf dem Weg zur EU-Wahl

EU vor der Europawahl 2024
Die Europawahl am 9. Juni wird in vielen Ländern mehr denn je zu einer echten Richtungswahl. Vielerorts geht es um die Frage, ob die Europäische Union mehr zu einer schlagkräftigen Einheit zusammenwachsen soll oder ob die derzeit 27 Mitgliedsstaaten weiterhin erhebliche dezentrale Kompetenzen behalten sollen. In Osteuropa blicken die Volkstribunen offen auf das autoritäre Russland, das sie unter dem Deckmantel der UdSSR jahrzehntelang drangsaliert hat, bevor sein Einfluss vor fast 40 Jahren zusammenbrach.
Es ist daher kein Zufall, dass die EU-Skeptiker die Hauptstädte Budapest (Ungarn) und Bukarest (Rumänien) für ihre zentralen Kundgebungen gewählt haben. Zu den prominenten Rednern gehören der ungarische EU-Dissident Victor Orbán und der ehemalige französische Präsidentschaftskandidat Eric Zemmour (Reconquête). Flankiert werden sie vom britischen EU-Austrittsanpeitscher Nigel Farage, dem niederländischen Anti-Muslim-Aktivisten Geert Wilders und eingeflogenen Anhängern des ehemaligen und möglicherweise künftigen US-Präsidenten Donald Trump.

Victor Orbán 
Eric Zemour 
Geert Wilders 
Wladimir Putin 
Nigel Farage
Derweil fällt auf, dass Italiens postfaschistische Regierungschefin Giorgia Meloni seit ihrem Amtsantritt die Rolle der Staatsfrau spielt. Sie vermeidet bei der Europawahl 2024 rhetorische Ausbrüche und präsentiert sich somit anders als extremen EU-Verbündeten. Das mag auch daran liegen, dass die 47-Jährige aus dem römischen Palazzo Chigi eine gleichfalls weibliche wie ähnlich ehrgeizige Gegnerin hat: Elly Schlein, Chefin des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD).
Die erst 38-jährige in der Schweiz geborene Tochter eines US-Wissenschaftlers und einer italienischen Professorin führt die größte Partei nach Melonis Fratelli d’Italia. Damit ist Schlein – eine queere Juristin – die offizielle Oppositionsführerin. In Italien stehen sich also Frau gegen Frau gegenüber.

Bei der Vorstellung des PD-Programms für die Europawahl 2024 betonte Schlein eine integrative und zukunftsorientierte Vision für die Europäische Union. Sie will mehr Solidarität unter den 27 Mitgliedsstaaten erreichen, vor allem beim brisanten Thema der Migration über das Mittelmeer. Durch gezielte EU-Investitionen in innovative Technologien und Bildung will sie Arbeitsplätze schaffen. Außerdem setzen sich die italienischen Sozialdemokraten für ehrgeizige Maßnahmen gegen den Klimawandel und für eine grüne Kreislaufwirtschaft ein.

Im nur 20 Kilometer von Italien entfernten Kroatien ist der Europawahlkampf besonders heftig werden. Bei der Parlamentswahl vergangene Woche wurden die regierenden Konservativen erneut stärkste Partei im Adrialand. Aber Premier Andrej Plenković sucht noch Koalitionspartner. Diese sind nur im rechten Spektrum zu finden, da die Linke Putin-freundlich ist und ihm Zunder gibt.
In dem beliebten Urlaubsland überlagern nationale Themen jene, die ins Europäische Parlament gehören. Es geht um die hohe kroatische Inflation, das autoritäre Verhalten von Plenković und die „Systemfrage“. Das unterscheidet Kroatien nicht von anderen Ex-“Oststaaten”.
Der österreichische Autor und Träger des Deutschen Buchpreises Robert Menasse, der in seinem Erfolgsbuch „Die Hauptstadt” das EU-Geschehen in Brüssel in den Mittelpunkt stellt, sieht Europa am Scheideweg. Er sagt: „Wenn es uns jetzt nicht gelingt, die EU zu erneuern, droht ein Rückfall in den Nationalismus.“
Nächste Woche mehr.
Wolf Achim Wiegand ist freier Journalist mit EU-Spezialisierung.
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