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Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg (waw) – Das Jahr 2023 hat gerade erst begonnen, da zeichnen sich schon die Konflikt­herde der Welt ab. Ein Blick darauf, wie Experten die Lage einschätzen, lohnt sich, um nicht über Krieg oder andere Ausein­an­der­set­zungen zu sehr überrascht zu sein. 

Fehlein­schät­zungen sind dabei möglich. Vor nicht einmal einem Jahr haben wir erlebt, dass selbst hochran­gigste Führungs­per­sonen nicht glauben mochten, dass der russische Präsident Wladmir Putin wirklich einen Einmarsch­befehl in die Nachbar­re­publik Ukraine geben würde – obwohl er fast zweihun­dert­tausend Soldaten an den Grenzen zusam­men­ge­zogen hatte.

Die folgenden von mir übersetzten, gekürzten oder umgear­bei­teten Texte, Szenarien und alle Fotos beruhen auf einer Veröf­fent­li­chung der Inter­na­tional Crisis Group, einer von George Soros mitge­grün­deten Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sation mit Sitz in Brüssel, die Analysen und Lösungs­vor­schläge zu inter­na­tio­nalen Konflikten liefert. Sie wird wesentlich von westlichen Regie­rungen, Stiftungen und Konzernen finan­ziert. Der Inhalt ist in Foreign Policy veröfent­licht worden, einer alle zwei Monate erschei­nenden Zeitschrift in den USA, die als eine führende meinungs­bil­dende Publi­kation in diesem Bereich gilt. 

Für die Autoren stellen sich folgende Fragen:

  • Werden die Großmächte 2023 in den Krieg ziehen oder ein fast 80 Jahre altes Atomtabu brechen? 
  • Werden politische Krisen, wirtschaft­liche Not und Klima­zu­sam­men­brüche nicht nur in einzelnen Ländern, sondern in der ganzen Welt zu sozialen Verwer­fungen führen? 

“Nach den letzten Jahren wäre es selbst­ge­fällig, das Undenkbare auszuschließen.”

Crisis Group

Hier sind die drei heißesten Konflikt­zonen aufge­führt (Nr. vier bis zehn klicke https://european.expert/?p=13674).

1. Ukraine

Bislang hat die Ukraine dem russi­schen Angriff dank des Mutes seiner Bevöl­kerung und westlicher Hilfe wider­standen. Doch nach fast einem Jahr der Kämpfe ist kein Ende in Sicht. Der Wider­stand der Ukraine ist ebenso heftig wie die russische Planung für den Krieg ungeschickt war. Doch der Kreml hat den Einsatz erhöht. Er hat vielleicht 300.000 zusätz­liche Männer mobilisiert. 

Mindestens ebenso viele Russen sind aus dem Land geflohen. Die Armee leidet unter Mangel an quali­fi­ziertem Personal und geeig­neter Ausrüstung. Das versucht Präsident Wladimir Putin durch eine terro­ri­sie­rende Kampagne von Luftan­griffen auf die ukrai­nische Zivil­be­völ­kerung und Infra­struktur wettzu­machen. Strom­aus­fälle haben viele Gebiete nahezu unbewohnbar gemacht. Bis zu einem Drittel der Ukrainer wurde im Krieg des vergan­genen Jahres vertrieben.

Vertriebene in der Ukraine
Alissa de Carbonnel von der Crisis Group spricht mit Maxim, einem Freiwil­ligen in einer Unter­kunft für Binnen­ver­triebene an der Techni­schen Univer­sität Lviv. Juni 2022. CRISIS GROUP / Jorge Gutierrez Lucena

Bislang deutet wenig darauf hin, dass eine Seite nachgeben wird. Im Gegenteil: Die Ukrainer sehen sich durch jeden neuen Angriff und jede Enthüllung über russische Übergriffe motivierter, weiter zu kämpfen. In Russland schrecken Propa­ganda und Unter­drü­ckung die Opposition ab. Niemand hat Appetit auf Friedens­ge­spräche. Eine Pattsi­tuation zeichnet sich ab.

Dazu kommt: Die westliche Einigkeit gegen diesen Krieg zeigt bisher kaum Risse. Viele europäische Regie­rungen sind der Ansicht, dass eine Niederlage der Ukraine die Macht­haber in Moskau nur ermutigen und Europa selbst gefährden würde. Ein Atomschlag Moskaus wird bei NATO und EU derzeit weitgehend ausge­schlossen, denn das wäre militä­risch wenig sinnvoll und könnte genau die direkte Betei­ligung des trans­at­lan­ti­schen Vertei­di­gungs­bünd­nisses auslösen, die auch Moskau zu vermeiden hofft. Überra­schungen werden dennoch einkalkuliert.

2. Armenien und Aserbaidschan

Die Auswir­kungen des russi­schen Angriffs­krieges in der Ukraine auf den Südkau­kasus sind besonders akut. Zwei Jahre nach ihrem letzten Krieg um die mehrheitlich von Armeniern bewohnte aserbei­dscha­nische Region Berg-Karabach scheinen die benach­barten Südkau­ka­sus­länder Armenien und Aserbai­dschan auf eine weitere Konfron­tation zuzusteuern. Russlands Schwie­rig­keiten in der Ukraine – insbe­sondere die Nutzung von Waffen zu eigenen Zwecken – haben die politi­schen Kalku­la­tionen in der Gegend durch­ein­ander gebracht.

Das Gleich­ge­wicht hat sich zu Gunsten Aserbai­dschans verschoben:

  • Die armenische Armee konnte weder ihre Truppen noch ihre Waffen aufstocken, da Russland als tradi­tio­neller Waffen­ver­mittler zu wenig Nachschub hat. 
  • Aserbai­dschan hingegen hat seine Truppen aufge­stockt. Seine Armee ist der armeni­schen um ein Vielfaches überlegen, ist weitaus besser ausge­rüstet und wird von der Türkei unter­stützt. Die gestiegene europäische Nachfrage nach aserbai­dscha­ni­schem Gas hat Baku ebenfalls ermutigt.

Ein neuer Krieg wäre zwar voraus­sichtlich kürzer, aber nicht weniger drama­tisch als der sechs­wö­chige Konflikt im Jahr 2020. Damals wurde mehr als 7.000 Soldaten getötet. Aserbai­dscha­nische Streit­kräfte vertrieben Armenier aus Teilen der Enklave Berg-Karabach und nahe gelegenen Gebieten.

Soldat in Asbaidschan
Ein aserbai­dscha­ni­scher Soldat steht an der Straße nach Schuscha, einer von den aserbai­dscha­ni­schen Streit­kräften kontrol­lierten Stadt in Berg-Karabach. Auf der anderen Seite des Zauns überblickt ein russi­scher Kontroll­punkt die von Armeniern genutzte Paral­lel­straße. CRISIS GROUP

Russlands Schwie­rig­keiten im Krieg in der Ukraine sind auch in anderer Hinsicht von Bedeutung. Im Rahmen des Waffen­still­stands von 2020 wurden russische Friedens­truppen in die noch von Armeniern besie­delten Gebiete von Berg-Karabach entsandt, um Aserbai­dschan von Angriffen abzuschrecken. Dennoch eroberten aserbai­dscha­nische Truppen im März und August weitere Gebiete in Berg-Karabach, darunter auch strate­gische Bergpo­si­tionen, sowie im September in Armenien selbst. 

In der Vergan­genheit war Moskau stets feder­führend bei den Friedens­be­mü­hungen um Berg-Karabach. Ende 2021 akzep­tierte Russland eine neue, von der Europäi­schen Union (EU) geleitete Vermittlung zwischen Armenien und Aserbai­dschan. Seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine betrachtet Moskau die EU-Diplo­matie jedoch als den Versuch, den Einfluss Russlands einzuschränken. 

Infol­ge­dessen kursieren zwei Entwürfe für Abkommen – ein von Russland ausge­ar­bei­teter und ein weiterer, den Armenien und Aserbai­dschan selbst mit westlicher Unter­stützung ausge­ar­beitet haben (in vielen Abschnitten mit gegen­sätz­lichen Textvor­schlägen der beiden Seiten). In jedem Fall sind die beiden Seiten weit vonein­ander entfernt. Deshalb besteht Gefahr, dass die Gespräche ins Leere laufen oder dass Gewalt ausbricht.

3. Iran

Massive Proteste gegen das Régime, die gnadenlose Nieder­schlagung der Proteste und die Waffen­lie­fe­rungen an Russland haben die Islamische Republik so isoliert wie seit Jahrzehnten nicht mehr, während sich zusätzlich eine Krise um das Atompro­gramm des Landes zusammenbraut.

Die Proteste, die das Land erschüttern, stellen die dauer­haf­teste und entschlos­senste Bedrohung für die Autorität der Islami­schen Republik seit der Grünen Bewegung 2009 dar. Zehntau­sende meist junger Menschen, allen voran Frauen und Schüle­rinnen, die den obliga­to­ri­schen Hidschab als Symbol für Frauen­feind­lichkeit und allge­meine Unter­drü­ckung ablehnen, sind auf die Straße gegangen, um dem Régime die Stirn zu bieten.

Die iranische Regierung hat daraufhin Hunderte von Menschen getötet, darunter Dutzende von Kindern. Förmliche Hinrich­tungen von Demons­tranten folgen auf Prozesse, die Menschen­rechts­gruppen als Betrug bezeichnen. Tausende sind inhaf­tiert, viele von ihnen werden auf grausame Weise gefoltert. Das Régime stellt die Proteste als eine auslän­dische Verschwörung dar.

Die Heraus­for­derung für Irans helden­hafte junge Demons­tranten besteht darin, ältere Iraner aus der Mittel­schicht für sich zu gewinnen, von denen viele zwar Sympa­thien hegen, aber Angst vor der Gewalt des Regimes oder vor radikalen Verän­de­rungen haben. Es könnten sich mehr von ihnen anschließen, wenn die Proteste eine kritische Masse erreichen.

blaue moschee in hamburg
Die “Blaue Moschee” an der Alster in Hamburg gilt als Betäti­gungsfeld für die Islamische Gemein­schaft in Hamburg (IZH). Der Verfas­sungs­schutz stuft sie als extre­mis­tisch und von der irani­schen Regierung gesteuert ein / Foto: © Wiegand 2022

Unter­dessen liegen die Gespräche zur Wieder­be­lebung des Atomab­kommens von 2015 auf Eis. Teherans nukleare Fähig­keiten haben sich zugleich sprunghaft weiter­ent­wi­ckelt. Die Überwa­chung durch die Inter­na­tionale Atomener­gie­be­hörde ist stark einge­schränkt. Der westen könnte bald zur Entscheidung gezwungen sein, entweder zu akzep­tieren, dass der Iran zur Atommacht wird oder dieses mit Gewalt zu verhindern.

Kriti­scher Zeitpunkt ist Oktober 2023, wenn die UN-Beschrän­kungen für Irans ballis­tische Raketen auslaufen. Das ist entscheidend für die Fähigkeit des Landes, Raketen und Drohnen zu expor­tieren, insbe­sondere zur Unter­stützung Russlands in der Ukraine. Womöglich würde der Iran aus dem Atomwaf­fen­sperr­vertrag aussteigen – ein poten­zi­eller casus belli für die USA und Israel mit dem Risiko einer Eskalation in der gesamten Region. 

Vor diesem Hinter­grund ist es sinnvoll, sich die Tür zur Diplo­matie offen zu halten. Zumindest könnte eine Verstän­digung über die roten Linien der jeweils anderen Seite gefunden werden, um Spannungen solange einzu­dämmen, bis mehr Raum für Deeska­lation und substan­zi­elles diplo­ma­ti­sches Engagement vorhanden ist. 

4. Yemen

5. Äthiopien

6. Demokratische Republik Kongo und Afrikanische große Seen

7. Die Sahel-Zone

8. Haiti

9. Pakistan

10. Taiwan

Für die Konflikt­zonen Nr. vier bis zehn klicke https://european.expert/?p=13674)


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