Chinas Staatschef Xi hat sich jetzt quasi absolute Macht geholt. Er darf länger als alle Vorgänger außer Mao weiter­re­gieren. Doch während China in kaiserlich anmutenden Absolu­tismus gleitet, bröckelt das ökono­mische Fundament des Xi-Reiches. Und die Welt beginnt genauer hinzu­schauen, was die anstrengend selbst­be­wusste Volks­re­publik plant und tut. (aktua­li­siert: 26.10.2022)

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg / Peking (waw) – Er war wieder eine große Show, der Kongress der Kommu­nis­ti­schen Partei Chinas (KPCh) 2022 in Peking. Alle fünf Jahre kamen die Granden des größten und repres­sivsten Landes der Welt zusammen, um sich in der rot beplüschten Großen Halle des Volkes am Tianmen-Platz feiern zu lassen. Sauber aufge­reiht saßen sie auf der riesigen Bühne vor ihren Porzel­lan­tee­kannen und ließen sich von den 2.300 Abgesandten aus dem ganzen Land bestaunen. Deren einzige Aufgabe war es, leiernd vorge­tra­genen Reden regungslos zuzuhören, am Schluss frene­tisch zu klatschen und alle Anträge der alten weißen Männer ohne Gegen­stimme zu “bestä­tigen”.

Einer hatte die Woche über wie maskenhaft erstarrt dagesessen oder unergründlich in die Ferne gelächelt: Präsident Xi Jinping. Für ihn gab es zum Ende der tagelangen Diszi­plins­übung ein beson­deres Pekinger Leckerli: Die Zustimmung des Partei­volkes für eine bislang nicht üblich gewesene dritte Amtszeit.

Xi ist am Ziel und der mächtigste Mann der Welt. 

Ein Mann, der nichts von Annäherung an den Westen wissen will. Ein Mann, der gewaltsame Gebiets­er­obe­rungen normal findet. Ein Mann, der sphinx­mäßig vor “schwer­wie­genden inter­na­tio­nalen Entwick­lungen” warnt, die es in den vergan­genen 100 Jahren nicht gegeben habe. 

Die unter­wür­figen Glück­wünsche von Russlands Diktator Wladimir Putin und Nordkoreas Herrscher Kim il Sung erreichten Xi Sekunden nach der Bekanntgabe seiner engsten Führungs­riege (klicke auf den Tweet), die erstmals keinen nominierten Nachfolger enthält – steuert Xi in Richtung lebens­lange Amtszeit? 

“Die Welt braucht China”, behauptete Xi in seiner Schlussrede und schickte sich an, zum Dauer­herr­scher zu werden. Schon jetzt kann man festhalten: Nur der “Überra­gende Führer” Mao Tse-tung war länger am Ruder (1954 – 1976) sowie Deng Xiaoping, der „General­ar­chitekt von Reform und Öffnung“ (faktisch von 1979 bis 1997). Oder einige der Kaiser von China.

Andere Politiker mussten nach dem Parteitag 2022 gehen. Darunter der moderate (was das in China auch immer heißt) Minis­ter­prä­sident Li Keqiang, die Nummer 2 im Lande. Er wurde aus dem allmäch­tigen Ständigen Ausschusses des Polit­büros entfernt, also degra­diert. Neue Xi-Vertraute sind indessen aufgestiegen. 

Spekta­kulär: Xi-Vorgänger Hu Jintao (79) wurde vor aller Augen live im Fernsehen sichtbar aus der Tagungs­halle abgeführt – eine insze­nierte öffent­liche Hinrichtung des letzten Mannes, der die Fahne der Kollek­tiv­führung hochge­halten hatte (Direkt­vi­deo­auf­zeichnung siehe zum Schluss dieses Textes). Die Bruta­lität der Szene lässt Schlimmes über die Härte erwarten, mit der China jetzt regiert wird.

Also das war‘s. Das ist der Worstcase. Klarer Durch­marsch von Xi,” meldet Xifan Yang (杨希璠), China-Korre­spon­dentin der ZEIT, unisono mit anderen Beobachtern:

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Die KPCh ist jetzt Xis Partei, alle anderen leben nur noch in ihr,” bilan­ziert Rana Mitter, Professor für Geschichte und Politik des modernen China an der Univer­sität Oxford und Autor des Buches “China’s Good War: How World War II Is Shaping a New Natio­nalism.”

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Die neue Lage in China mit hochof­fi­zi­ellen Worten:

➡️“Alle Partei­mit­glieder müssen sich … noch enger um das Zentral­ko­mitee der KPCh mit dem Genossen Xi Jinping an der Spitze scharen, die Xi Jinping-Gedanken zum Sozia­lismus mit chine­si­schen Merkmalen für eine neue Ära umfassend umsetzen und danach streben, ein modernes sozia­lis­ti­sches Land in jeder Hinsicht aufzu­bauen und die große Verjüngung der chine­si­schen Nation zu erreichen.”

Kommu­niqué der siebten Plenar­tagung des 19. Zentral­ko­mitees der Kommu­nis­ti­schen Partei Chinas, 14. Oktober 2022

Erst kommt XI in China, dann lange nichts

Der Kaiser von China: Xi Jinping
⬆️Der Kaiser von China: Xi Jinping

Mit Xis Allmacht ist formal bestätigt worden, was China sowieso schon längst versucht: Eine globale Ordnung zu schaffen, die auf Autokratie, Kontrolle und Expansion ausge­richtet ist. Im KP-Sprach­ge­brauch würde man nach außen von “Imperia­lismus” sprechen und nach innen “Totali­ta­rismus” anprangern – aber was schert Chinas “Kommu­nisten” das Geschwätz von Marx, Engels, Lenin und Mao? 

➡️“China ist unter Xi in vielerlei Hinsicht noch geschlos­sener und autokra­ti­scher geworden. Die Überwa­chung hat sich ausge­weitet. Die Zensur hat sich verschärft. Der Macht­erhalt der Partei hat Vorrang vor allen anderen Überlegungen.”

The Economist (London)

➡️“Bemer­kenswert ist vor allem das enorme Selbst­be­wusstsein, mit dem Xi trotz aller konkreten Krisen im Land die Verwirk­li­chung von Zielen wie ‘gemein­schaft­licher Wohlstand’ und dem Ausbau Chinas in ein ‘großar­tiges, modernes sozia­lis­ti­sches Land’ beschwört.”

Mikko HuotariDirektor Mercator Institute for China Studies (MERICS)

Dennoch: Dass die Volks­re­publik gänzlich unauf­haltsam auf dem Großen Marsch über die Weltbühne sei, das bezweifeln einige Beobachter. “Xis Kontrollwahn mag die Kommu­nis­tische Partei stärker machen, aber er macht China auch schwächer als es sonst wäre,” analy­siert das britische Wirtschafts­ma­gazin The Economist. Die sonst übliche Veröf­fent­li­chung der Wirtschafts­daten ist beim Parteitag begrün­dungslos von der Tages­ordnung gelöscht worden – das Wachstum soll so schwach sein wie seit halbem Jahrhundert nicht.

Eine Liste von Problemen

Die Führung der volkreichsten Nation steht vor enormen Herausforderungen:

Xi hat keine Richtungs­än­derung signa­li­siert. Insbe­sondere nicht bei den beiden Haupt­ri­si­ko­fak­toren, die Chinas Wirtschaft belasten: Strenge Covid-Regeln und die Wohnungs­markt­po­litik. Damit hat er für nur wenig Auftrieb bei den sich verschlech­ternden Wachs­tums­aus­sichten gesorgt, analy­siert die US-Wirtschafts­agentur Bloomberg.

Der 69jährige Politiker hat – statt ausschließlich Optimismus zu verbreiten – sogar vor “poten­zi­ellen Gefahren” und schwie­rigen Zeiten gewarnt. Er rief sein Volk dazu auf, sich “auf die schlimmsten Fälle” vorzu­be­reiten. Die nächsten fünf Jahre seien entscheidend.

➡️“Seid vorbe­reitet, starken Winden, schwerer See und selbst gefähr­lichen Stürmen standzuhalten.”

Xi Jinping

➡️“Macht­haber Xi Jinping schört das Volk auf ’schwere Zeiten’ ein – und spricht doch keine der wahren Krisen Chinas an.” 

Alexander Görlach, Kolumnist Wirtschaftswoche

Ist China nicht so stark, wie es bislang tat? 

Lange hatten Chinas rücksichtslose Führer geglaubt, ihr Vormacht­streben sei unauf­haltsam. Auch bezüglich Europa, wo bereits ganze Binnen­häfen, Seehäfen und Flughäfen zum Teil schon seit Jahren in chine­si­scher Hand sind, hatte man sich lange ausgemalt, es gehe nur vorwärts. Doch die Alarm­glocken in der Alten Welt schrillen jetzt laut. 

Hat Peking seinen Zenit überschritten?Das fragt Brian Carlson vom Global Security Team des Thinktanks am Center for Security Studies (CSS, Zürich). Er warnt: “Wenn China aus Verzweiflung handelt, wird es gefährlich.” Das Land drohe zu fallen – und zwar tief. Für Carlson muss nicht die Frage nach dem “Ob” und “Wann” gestellt werden – das sei klar –, sondern nach dem “Wie”: “Die Frage ist, ob es zu einer harten oder weichen Landung kommen wird,” wird der Fachmann in der schwei­ze­ri­schen Zeitung “Blick” zitiert.

International car manufacturing plant in Tuscaloosa County, Alabama. Original image from Carol M. Highsmith’s America, Library of Congress collection. Digitally enhanced by rawpixel.
⬆️Roboter bei Fabrikproduktion

Noch verfügt China über genügend Kraft, um sein Vorwärts­streben voran­zu­treiben. Das ist im Westen lange verharmlost worden. In Deutschland hat erst die 95%-Übernahme des Roboter­bauers Kuka durch den chine­si­schen Hausge­rä­te­konzern Midea vor fünf Jahren für einen diffe­ren­zier­teren Blick auf die Power aus Peking gesorgt. “Ausverkauf von Know-how an einen Toten­gräber europäi­scher Hersteller,” hieß es damals. Zu Recht: Inzwi­schen kommt Kuka ganz in chine­sische Hand.

Rüffel aus China – Warnung aus Berlin

Aber erst mit Ausbruch der Corona­epi­demie, als die EU hilflos feststellen musste, dass sie bei Gesichts­masken und anderem Schutz­ma­terial abhängig von China war, dämmerte es in Deutschland so richtig. Während man in der CDU-dominierten Merkel-Ära mehr auf Markt­mächte vertraute, will die Ampel­re­gierung aus SPD, Grünen und FDP laut Koali­ti­ons­vertrag nicht mehr still­halten. Das brachte ihr gleich zu Regie­rungs­beginn einen ziemlich unver­hoh­lenen offizi­ellen Rüffel aus China ein – Nervo­sität Pekings nach jahrzehn­telang geübter Zurück­haltung Deutsch­lands und Europas? 

Klare Worte fand jetzt Bundes­bil­dungs­mi­nis­terin Bettina Stark-Watzinger, als sie ausdrücklich zur Wachsamkeit gegenüber China mahnte. Die FDP-Politi­kerin sprach sich entschieden gegen Forschungs­ko­ope­ra­tionen aus, die Peking missbrauchen könnte. Auch die Hochschulen seien diesbe­züglich in der Pflicht, forderte die Liberale. 

Überhaupt treten die sonst so wirtschafts­freund­lichen Liberalen beim Thema China eher auf die Bremse. FDP-Chef Christian Lindner, der in Hongkong am eigenen Leibe chine­sische Repression erlebt hat, schrieb unter diesem Eindruck: Die Entwicklung Chinas sollte uns zu Recht Respekt abnötigen… Dennoch dürfen wir die Augen vor negativen Entwick­lungen nicht verschließen.”

Hartes Handeln im Hafen Hamburg

Der Kampf Chinas um Einfluss reicht bis in die Herzen deutscher Wirtschaft hinein. Im Hamburger Hafen scheint sich gerade der größte deutsche Handels­platz selbst eine Laus in den Pelz gesetzt zu haben. So sehen es jeden­falls die Kritiker. Was ist da los?

Die chine­sische Staats­ree­derei Cosco wollte bis vor Kurzem eine 35-prozentige Minder­heits­be­tei­ligung an einem Terminal des städti­schen Logis­tikers Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) erwerben. Bürger­meister Peter Tschent­scher (SPD) und die Handels­kammer befür­wor­teten das. Andere Hanseaten – darunter Gewerk­schafter – schlugen wegen der strate­gi­schen Bedeutung des Deals kräftig Alarm. 

Kevin Kühnert, General­se­kretär SPD: Andere europäische Staaten würden die „Sahne vom Kuchen abgreifen“, also sollte auch Deutschland „zumindest einmal darüber nachdenken“.

Markus Lanz, ZDF-Talkshow­mo­de­rator: “Das ist wirklich warme Luft. Sie können doch nicht sagen, wir müssen raus aus der Abhän­gigkeit und dafür steigen wir erst einmal ein. Ich bitte Sie, welche krude Logik ist das?“

In der Sendung “Lanz” vom 25.10.2022

Promi­nen­tester Fürsprecher: Hamburgs Ex-Bürger­meister und heutige Bundes­kanzler Olaf Scholz (SPD). Er stellte sich spekta­kulär gegen den Fachrat aller sechs mit dem Deal befassten Minis­terien sowie des Bundes­nach­rich­ten­dienstes und Verbündete in aller Welt. Auch das Bundes­wirt­schafts­mi­nis­terium unter dem Grünen-Politiker Robert Habeck wollte den Kauf gerne verbieten. Die Frage schien sich zum kräftigen Koali­ti­ons­krach auszu­wachsen.

Die deutsche Politik wirkte getrieben, als die Chinesen in Hamburg knallhart vorgingen. So, wie überall auf der Welt, wo sie Inter­essen haben. Cosco bot im Gegenzug für die HHLA-Betei­ligung an, europäische Ladungs­ströme in der Freien und Hanse­stadt zu konzen­trieren. Das fragliche Contai­ner­ter­minal CTT sollte ein „Preferred Hub“ werden, also ein bevor­zugter Umschlag­punkt, so versprach es Cosco den Kaufleuten an der Elbe.

COSCO, Logo der Staatsrederei von China

Darf man so ein “gutes Angebot” auch Erpressung nennen?

Der in Peking heiß ersehnte 65-Millionen-Euro-Deal sollte Hamburgs Stellung als vorerst nördlichster Punkt der “Neuen Seiden­straße” festigen. So hoffte es das Unter­nehmen, so hofften es der Senat. Immerhin: Das gigan­tische inter­kon­ti­nentale Handels- und Infra­struktur-Netz verbindet die Volks­re­publik China mit über 60 weiteren Ländern. Schon jetzt ist Hamburg dabei im Kalkül der Chinesen als das Tor zum Norden einge­preist, worauf man im 850 Jahre alten Hafen stolz ist.

So weit, so gut. Aber: 

China ist in Hamburg seit 2017 am Ball (ich berichtete). Seitdem wird eine Grund­satz­po­si­tio­nierung disku­tiert: Soll die chine­sische Expansion hinge­nomme bzw. gar gefördert werden oder läuft das deutschen und europäi­schen Inter­essen zuwider? 

Den nach außen hin höflichen Chinesen im General­kon­sulat an der feinen Elbchaussee platzte schließlich der Gedulds­faden: Cosco setzte ziemlich erbost eine Frist bis zum 31. Dezember 2022. Sollte es bis dahin nicht zum Geschäft kommen, muss die stolze Handels­stadt an der Elbe mit Abwan­derung riesiger Contai­ner­schiffe aus dem Land der Mitte rechnen. Das würde Einnahme- und Bedeu­tungs­verlust bedeuten. Dagegen sind Hanseaten aller­gisch (ich bin selbst einer). 

Der Bundes­kanzler indessen verhin­derte monatelang trick­reich, dass der Geneh­mi­gungs­be­schluss auf der Tages­ordnung des Berliner Kabinetts landete. Seine offen­sicht­liche Kalku­lation: Laut den Usance wäre es automa­tisch zum Deal gekommen, hätte sich die Minis­ter­runde nicht bis Ende Oktober 2022 damit befasst. 

Merkantilismus oder Menschenrechte – das ist hier die Frage.

Containerschiff aus China erreicht Hamburger Hafen
Ein Schiff wird kommen – hoffentlich auch weiterhin… / Foto: © waw 2022

Nun wurde ein – viele finden: fauler – Kompromiss beschlossen. Die Chinesen sollen 24,9 Prozent der Anteile bekommen – und darf keinen Einfluss auf das laufende Geschäft nehmen. Ob die Emissäre aus Peking das wirklich wollen? Derzeit heißt es: schaunmermal. 

Hamburg ist eines vieler Beispiele dafür, wie schwer sich die westliche Wirtschaft mit dem lockenden und zugleich unfair agierenden Fernost­gi­ganten tut. Beobachter stellen dabei die Frage, ob die kühl nach Zahlen rechnenden Ökonomen mit dem Festhalten am massiven China­ge­schäft nicht letztlich selbst ein Eigentor schießen: 

  • Ist es zweck­dienlich, die Einfluss­nahme staatlich gelenkter Unter­nehmen auf unsere Privat­öko­nomie hinzunehmen? 
  • Was bedeutet die schlei­chende Übernahme chine­si­scher Kräfte für den Kitt unserer Gesellschaft? 
  • Muss sich unsere freie Markt­wirt­schaft nach dem Russland-Desaster wirklich mit weiteren fernge­lenkten Oligarchen verschränken?

Diese Fragen muss sich nicht nur die Politik, sondern auch die Wirtschaft stellen. Und zwar in der gesamten EU.

karikatur zu china im hafen hamburg
⬆️Böse und kräftig überspitzte Karikatur…

China setzt gegenüber der Welt auf Härte

Schon vor zwei Jahren griff der Chefökonom der in Berlin ansäs­sigen Mercator Institute for China Studies (MERICS), Max J. Zenglein, die Thematik auf. “Abhängig oder aufein­ander angewiesen?” lautete der Titel seiner Neube­wertung der Wirtschafts­be­zie­hungen zwischen der EU und China. Daraus drei wichtige Erkenntnisse:

  • Europa weist bei Pharma‑, Chemie- und Elektronik­pro­dukten eine kritische Abhän­gigkeit von China auf.
  • In 103 Produkt­ka­te­gorien, darunter Elektronik, Chemie, Minerale/Metalle und Arzneimittel/Medizin, besteht eine kritische Abhän­gigkeit von Importen aus China. 
  • Beijing ist zunehmend in der Lage, wirtschaft­lichen Zwang auf europäische Akteure auszuüben.

➡️“Wir werden die Sicherheit der chine­si­schen Staats­macht, des Systems und der Ideologie entschlossen schützen und die Sicher­heits­ka­pa­zi­täten in Schlüs­sel­be­reichen ausbauen … Wir werden hart gegen Infil­tration, Sabotage, Subversion und separa­tis­tische Aktivi­täten feind­licher Kräfte vorgehen.”

Xi Jinping

China: Risiko oder Chance?

China sei das größte Risiko geworden, zitiert das Handels­blatt den Siemens-Chef Roland Busch. Er und andere Manager befürch­teten ein Ausein­an­der­driften der Wirtschafts­räume Europa/USA und China, ein sogenanntes Decou­pling. Das über Jahre aufge­baute gewinn­brin­gende Netzwerk an Fabriken und Joint Ventures sei damit gefährdet. Dennoch gelte insbe­sondere in Dax-Konzernen die Devise: „Wer zur Spitze gehören will, muss in China dabei sein.“ Für Siemens, BASF & Co sei China ein wichtiger Absatz­markt (und Produk­ti­onsort, sei hinzu­gefügt). Für manche Fabriken ist er sogar überlebenswichtig. 

➡️“Der Volks­wagen Konzern ist einer der ersten und erfolg­reichsten inter­na­tio­nalen Partner der chine­si­schen Automo­bil­in­dustrie. 2021 lieferte die Volks­wagen Group China gemeinsam mit ihren chine­si­schen Joint Ventures 3,3 Millionen Fahrzeuge an Kunden in Festland­china und Hongkong aus. Ende 2021 hatte die Volks­wagen Group China insgesamt rund 90.000 Beschäftigte.”

volkswagenag.com
Volkswagen China, Gruppenbild mit Dame
⬆️Gruppenbild mit Dame / Foto: VW

Auch andere deutsche Konzerne geraten wegen China in die Bredouille. Dazu gehört der Chemie­gigant BASF, dessen Chef Martin Bruder­müller von einem “Megaprojekt” in der Volks­re­publik schwärmt und zugleich den Standort in Ludwigs­hafen zusam­men­streicht. Unter den Führungs­kräften und im Aufsichtsrat formiere sich Wider­stand – sie fürch­teten, dass der CEO den Chemie­konzern ausliefert, berichtet das manager magazin: “Es geht um Moral, Geschäft – und Macht.”

Pilgerfahrt nach China

Nun plant der Chef der Firma Bundes­re­publik Deutschland kurz nach dem Parteitag von Peking eine Reise nach China. Im November will der Ex-Bürger­meister von Hamburg (siehe oben: HHLA) und heutige Bundes­kanzler Bundes­kanzler Olaf Scholz (SPD) gegenüber Xi die Hände ausstrecken – im 50. Jahr der Aufnahme diplo­ma­ti­scher Kontakte. 

Doch die Tour von Scholz ins Reich der Mitte steht im In- und Ausland in der Kritik. Scholz schenke Chinas aggres­siver Außen­po­litik, den Drohungen gegen Taiwan und der Abschottung des Landes zu wenig Beachtung, so die Sorge.

Überhaupt wird Berlin in letzter Zeit bei EU-Partnern aus vielerlei Gründen nicht mehr geschont – zuletzt beim Thema Energie­preis­hilfen. Das reiche Deutschland saniere sich mit Milli­ar­den­be­trägen gesund und vergrößere damit den Abstand zu europäi­schen Ländern, die kleiner und nicht so reich mit Finanz­mitteln gesegnet seien.

Sympto­ma­tisch ist die Stimme von Stuart Lau, dem EU/China-Korre­spon­denten des Infor­ma­ti­ons­portals POLITICO Europe. Er wähnt die Bundes­re­gierung auf einem zu kommer­z­ori­en­tierten eigen­süch­tigen Kurs. Kein Gerin­gerer als Scholz ist ihm verdächtig, denn schließlich habe der heutige Bundes­kanzler in der Regierung seiner Vorgän­gerin Angela Merkel schon eine Schlüs­sel­rolle beim Bau der inzwi­schen defekten Nord Stream-Gaspipeline gespielt:

➡️“Die gleichen unklaren Botschaften gelten auch für Scholz’ China-Politik. Die Zeiten­wende ist kein Schlagwort, vor dem sich Peking fürchten muss… Die führende Macht in der EU hat nur wenige Anhalts­punkte dafür, was sie (gegen das mächtiger gewordene China) tun kann.” 

Stuart Lau

Ziemlich schlechte Freunde oder ziemlich gute Feinde?

Der einstige BBC-Reporter und Enthül­lungs­jour­nalist Lau zitiert den chine­si­schen Botschafter in Berlin, Wu Ken, mit der lobenden Einschätzung, die Bezie­hungen seines Landes mit der Bundes­re­publik seien “zu einem erfolg­reichen Modell für eine Win-Win-Koope­ration zwischen zwei Ländern geworden, die unter­schied­liche Gesell­schafts­systeme, eine unter­schied­liche Geschichte und Kultur sowie unter­schied­liche Entwick­lungs­stadien haben.”

Deutschland, so Wu, sei ein “Wegweiser” für die EU, China positiv zu behandeln. Dazu Lau lakonisch: “Offen­sichtlich.”

Der Vollstän­digkeit halber sei gesagt, dass die Pilger­reise des deutschen Bundes­kanzlers nach Peking nicht die einizige aus der EU kurz nach Xis Inthro­ni­sation sein wird. Die Zeitung South China Morning Post (Hongkong) berichtet, auch Frank­reichs Präsident Emmanuel Macron plane im November eine Reise nach Peking. Die Vorbe­rei­tungen liefen. Eine offizielle Bestä­tigung steht aber aus.

Annalena Baerbock, Bundesaußenministerin, China-Architektin
⬆️Annalena Baerbock (GRÜNE), Bundes­au­ßen­mi­nis­terin und china­po­li­tische Architektin

Das Auswärtige Amt unter Bundes­au­ßen­mi­nis­terin Annalena Baerbock hat sich zu einem Kraftraum mit härteren Bandagen gegen China gemausert. An seiner Spitze wird nunaciert anders gedacht, als im Kanzleramt. Geht es nach der klar sprechenden GRÜNEN-Politi­kerin, wird es in der China-Politik jeden­falls kein „Weiter so“ geben. 

Als Lehre aus den Fehlern der Russland-Politik müsse gelten, “dass wir uns von keinem Land mehr existen­ziell abhängig machen, das unsere Werte nicht teilt”, zitiert die Süddeutsche Zeitung die 41jährige Hanno­ve­ra­nerin. Gegen Chinas Abschottung, militä­rische Drohungen und eigene Regeln in der Welt will Baerbock “nicht komplette Abkopplung” setzen. Aber: “Erschließung alter­na­tiver Märkte im asiati­schen Raum, Diver­si­fi­zierung und Risiko­ma­nagement.”

➡️„Wir werden nicht auf den Einsatz von Gewalt verzichten“ 

Xi Jinping in Bezug auf Taiwan

In Baerbocks Haus entsteht gerade die erste China-Strategie in der Geschichte Deutsch­lands, so, wie es der Ampel­vertrag vorsieht. Mitte 2023 könnte das Papier fertig sein, speku­lieren Insider. Was darin nach unzäh­ligen Gesprächen mit Experten und Betrof­fenen festge­schrieben werden wird, dürften nach einem Bericht des Handels­blattes wohl drei Punkte sein:

  1. Eine stärkere Gegen­sei­tigkeit bei Investitionsregeln.
  2. Stopp der chine­si­schen Einfluss­nahme in Deutschland/Europa durch ökono­mische Operationsregeln.
  3. Lösung Deutsch­lands von seiner China-Konzentration.
Petra Siegmund, Auswärtiges Amt, China-Expertin

Im Hinter­grund des Baerbock-Minis­te­riums zieht übrigens eine erfahrene Diplo­matin die Fäden: „Wir haben es nicht mehr mit dem gleichen China zu tun wie noch vor zehn Jahren,” sagt die 56jährige Sinologin und Abtei­lungs­lei­terin Asien im Auswär­tigen Amt Petra Sigmund (links) im Handels­blatt. „China hat sich verändert – unser Umgang mit China muss sich ebenfalls verändern.

China: Partner und Systemrivale zugleich

Die Suche Deutsch­lands nach einer ausba­lan­cierten Haltung gegenüber dem erwachten Drachen aus China findet ihre Entspre­chung im europäi­schen Tun. In Brüssel bastelte man schon seit 2018 an einer EU-Strategie gegenüber China (ich berichtete damals für diesen Blog).

Das Europäische Parlament hat die Kommis­si­ons­vorlage im vergan­genen Jahr gebilligt. In ihrer Entschließung forderten die europäi­schen Volks­ver­treter “eine entschlos­senere, umfas­sendere und konsis­tentere China-Strategie der EU zu entwi­ckeln”. Zugleich heben sie hervor, China sei “ein Koope­ra­tions- und Verhand­lungs­partner für die EU, aber in einer zuneh­menden Anzahl von Bereichen auch ein wirtschaft­licher Konkurrent und System­rivale.”

➡️„Die Volks­re­publik China ist der einzige Konkurrent, der nicht nur die Absicht hat, die inter­na­tionale Ordnung umzuge­stalten, sondern auch über die wirtschaft­liche, diplo­ma­tische, militä­rische und techno­lo­gische Macht verfügt, dies zu tun.“

Neue nationale Sicher­heits­stra­tegie der USA

Der Partei­kon­gress in Peking hat in einer turbu­lenten Zeit statt­ge­funden. Die Volks­re­publik ist für die USA und ihre Verbün­deten, aber auch für Asiaten und den austra­li­schen Kontinent mehr als nur ein wirtschaft­licher Gegner. Es geht auch um die Verbreitung von Werten, Gesell­schafts­mo­dellen und Lebens­arten. Xis Unter­stützung für den russi­schen Präsi­denten Wladimir Putin hat China dem Westen weiter entfremdet. 

Die Welt wird immer abhängiger

➡️“Obwohl sich China in letzter Zeit etwas von Russlands Zielen in der Ukraine distan­ziert zu haben scheint, stellen die bilate­ralen Bezie­hungen zwischen China und Russland eindeutig eine starke strate­gische Partner­schaft dar, die auf der Unter­stützung der Kernin­ter­essen des jeweils anderen beruht und nicht ignoriert werden kann”. +++ “Es ist wichtig, sich im Falle Taiwan auf Deeska­lation und Abschre­ckung zu konzen­trieren, um die Aushöhlung des Status quo zu verhindern.”

Internes Papier des Auswär­tigen Dienstes der EU

Xi dürfte seine Politik unbeirrt von westlichen Überzeu­gungen und mit seiner neuen Macht­fülle weiter­führen. Sein Fokus wird auf Sicherheit und Eigen­stän­digkeit liegen. Dazu kommen Kontrolle der Wirtschaft durch den Staat, eine selbst­be­wusstere Diplo­matie und stärkeres Militär sowie weiterer Druck zur Übernahme Taiwans. 

➡️“China soll in allen Wirtschafts­sek­toren
immer unabhän­giger werden,
während die Volks­wirt­schaften der Welt
sich immer abhän­giger von China machen.”

Mikko Huotari, Direktor des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin

Letztlich wird die Zukunft Chinas und das Maß seines Einflusses auf die Welt von drei Säulen abhängen: 

➡️“Chinas langfristige Bedeutung ergibt sich 1. aus seiner immensen Wirtschaft, 2. aus seinem großen und wachsenden Militär und 3. aus seiner Fähigkeit zur techno­lo­gi­schen Innovation. Unabhängig davon, welche Führungs­per­sön­lich­keiten auf seiner Bühne stehen werden, werden diese grund­le­genden Fragen weiterhin im Mittel­punkt der Debatten über Chinas Zukunft und seinen Platz in der Welt stehen.”

Rana Mitter
⬆️Macht­de­mons­tration auf Chine­sisch: Kurz vor seiner Schlussrede hat Xi Jinping seinen Vorgänger Hu Jintao (79) vor aller Augen live im Fernsehen aus dem Parteitag der KPCh abführen lassen.


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