Queen Elizabeth II. hat Liz Truss (47) zur neuen Premier­mi­nis­terin von Großbri­tannien ernannt. Zuvor hatte die Partei der Konser­va­tiven die bisherige Außen­mi­nis­terin in einer Urabstimmung zur Nachfol­gerin des skandal­um­wit­terten Boris Johnson gewählt. Was bedeutet die Regie­rungs­über­nahme für das Verei­nigte König­reich, Europa und die Welt? Meine Analyse.

Von Wolf Achim Wiegand

London (waw) – Sie ist bereits die dritte Frau als Chefin von 10 Downing Street, dem Sitz der mächtigsten Person im Verei­nigten König­reich Ihrer Majestät Queen Elizabeth II. (92): Liz Truss. Schon jetzt wird ihr das Etikett “Eiserne Lady” umgehängt. Die in der Wolle gefärbte Konser­vative hat ähnliche Teflon­ei­gen­schaften wie Großbri­tan­niens erste weibliche Kabinetts­chefin Margaret Thatcher (1979 – 1990).

Starke Nerven wird Truss im dornen­reichen Dickicht der Insel­po­litik auch brauchen. Davon kann die zweite im Damenklub, Theresa May, ein Lied singen: 2016 ins Amt gekommen schubste sie der nun selbst wegge­stoßene Boris Johnson nach nur drei Jahren aus dem Weg. Und auch das spricht für sich: Der Amtswechsel in London ist der dritte in nur sechs Jahren. Den ersten Sturm, die Frage­stunde des Parla­ments (Prime Minister’s Question Time), hat die Neue keine 24 Stunden nach der Ernennung durch die Königin bereits bestanden. 

Obwohl sie erst 47 Jahre alt ist hat Truss reichlich Regie­rungs­er­fahrung. Innerhalb von nur zehn Jahren sammelte sie Ämter wie andere Brief­marken: Justiz­mi­nis­terin, Lordkanz­lerin (nach 1.000 Jahren als erste Frau), Bildungs­staats­se­kre­tärin, Umwelt-und Agrar­mi­nis­terin, Staats­se­kre­tärin im Schatzamt, Frauen­mi­nis­terin, Handels­mi­nis­terin und schließlich Außen­mi­nis­terin. Dabei diente die Tochter einer links­ge­rich­teten Kranken­schwester und eines friedens­be­wegten Mathe­ma­tik­pro­fessors drei konser­va­tiven Premier­mi­nistern. Nun ist sie selbst ganz oben.

Jung aber erfahren

Ihren politi­schen Aufschlag machte die hölzern wirkende Ökonomin im Alter von 25 Jahren. Damals schred­derte sie im ländlichen Wahlkreis Hemsworth, West Yorkshire, die Mehrheit der Sozial­de­mo­kraten von 24.000 auf weniger als 16.000 Stimmen. Nach vier Jahren als Stadt­rätin in Greenwich gelang Truss 2010 im Bezirk South West Norfolk der Sprung ins Unterhaus. Schon 2012 zog sie als eine der jüngsten Abgeord­neten in die Regierung ein. 

Selbst­zweifel plagen Truss nicht: “Ich bin von Tag eins an bereit, als Premier­mi­nis­terin zu liefern,” verkündet die zweifache Töchter­mutter, die mit dem Buchhalter Hugh O’Leary verhei­ratet ist. 

Regieren in Notzeiten 

Hinter Truss liegt ein mehrwö­chigen Wahlkampf gegen Mitbe­werber Rishi Sunak (42). Es galt, wie in Großbri­tannien üblich, die Stimmen der rund 180.000 konser­va­tiven Partei­mit­glieder zu gewinnen. Die hatten nach einem Ausschei­dungs­wett­kampf der Parla­ments­fraktion in einer Urabstimmung das Sagen.

In Ihrem Wahlkampf hat Truss ein Sammel­surium politi­scher Versprechen abgegeben – genau 149 an der Zahl, vermerken Beobachter. Es fällt daher schwer genau voraus­zu­sagen, was von Truss zu erwarten ist. Doch es gibt Erwar­tungen. So dürfte Truss als eine der ersten Maßnahmen einen Nothaushalt durch­drücken. Das stand im Mittel­punkt ihrer Wahlkampagne. 

Noch ein Plan von Truss: 30 Millionen Pfund für Steuer­sen­kungs­maß­nahmen. Finan­zierung: Haupt­sächlich durch Rücknahme der Erhöhung der Sozial­ver­si­cherung und Strei­chung der Körper­schafts­steu­er­erhöhung. Direkt­zah­lungen an bedürftige Haushalte gegen die Krise der Lebens­hal­tungs­kosten hatte Truss bislang ausge­schlossen. Das ist ihr Unter­schied zur Opposition aus Labour, Liberal­de­mo­kraten und Schotten, die milli­ar­den­schwere Subven­tionen zum Einfrieren der Energie­preise verlangen. Die Grünen wollen die fünf größten Energie­ver­sorger verstaatlichen.

“Ich würde sofort loslegen, indem ich einen Nothaushalt auf den Weg bringe und einen entschlos­senen Kurs einschlagen, um unsere Wirtschaft anzukurbeln, damit wir unsere öffent­lichen Dienste und den staat­lichen Gesund­heits­dienst finan­zieren können.”

Liz Truss am 6. August 2022 in The Telegraph

Wirtschafts­wis­sen­schaftler hatten Truss einen anderen Kurs gegen den raschen Infla­ti­ons­an­stieg empfohlen. Und die ist massiv. Im Juli war die Geldent­wertung auf 10,1 Prozent geklettert. Es ist die höchste Rate seit 1982. Der Vorgang zeigt, dass Truss einen eigenen Kopf hat. Enge Vertraute bezeichnen sie gar als stur und beratungs­re­sistent.

Gesell­schafts­po­li­tisch stellt sich Truss gegen einen sogenannten „nanny state“ mit Vorschriften und Lenkungs­in­stru­menten für das Leben der Bürger. Die einstige Studentin der Philo­sophie, Politik und Ökonomie in Oxford sympa­thi­siert mit den wirtschafts­li­be­ralen Ideen des öster­rei­chi­schen Wirtschafts­gurus Friedrich August von Hayek (1899 – 1992). Er behauptete u.a., dass die Insta­bi­lität der Markt­wirt­schaft die Folge staat­licher Unter­drü­ckung des Markt­me­cha­nismus sei.

Die Konser­va­tiven würden mit Truss weiter nach rechts abdriften, so Auguren. Wird sie – wie Margaret Thatcher – das Ende des ohnehin gerupften Wohlfahrts­staates einläuten? Der traurige Zustand des staat­lichen Gesund­heits­systems NHS war in den vergan­genen Wochen ein Haupt­thema der politi­schen Diskussionen. 

Truss wies die Forderung von Labour-Opposi­ti­ons­führer Sir Keir Starmer nach einem Einfrieren der Energie­preis­ober­grenze zurück und bezeichnete sie als “Heftpflaster, das Geld kostet, aber das Problem nicht wirklich an der Wurzel packt.

Liz Truss am 20. August 2022 in einem Interview mit The Sun

Harte Bandagen mit Putin

In der Außen­po­litik wird Truss den bishe­rigen Kurs Johnsons weitgehend fortsetzen. Die enge Bindung an die USA (“special relati­onship”) wird ungetrübt bleiben. China soll als “Bedrohung der natio­nalen Sicherheit” einge­stuft werden.

Mit der größten Erhöhung der Vertei­di­gungs­aus­gaben seit den 50er Jahren will Truss den Anspruch Großbri­tan­niens bekräf­tigen, das wichtigste NATO-Land neben den USA zu sein. Bis 2030 sollen 3 % des Natio­nal­ein­kommens für die Vertei­digung fließen. Derzeit sind es etwas mehr als 2 % pro Jahr. Das Geld soll in eine neue U‑Boot-Flotte und in Cyber- und Weltraum­tech­no­logie gesteckt werden. Eventuell wird die Royal Army personell vergrößert.

Liebes­grüße an Moskau? Nicht unter Truss. Dort war sie schon während der Wahlkam­pagne regel­recht fertig­ge­macht worden. Ungeschliffene Medien­blut­hunde des Kremls erklärten in Putins Staats­sender “Russland 1″, die Dame gehöre in die Küche und nicht in die Politik. Der Kommen­tator fügte hinzu: “Ich glaube, dass das Verei­nigte König­reich sehr große Probleme bekommen wird, wenn diese Frau Premier­mi­nis­terin wird – sie ist gefährlich”. Derlei Demüti­gungen dürften Truss nur noch mehr anspornen, hart gegen Russland zu sein.

Die massive Waffen­hilfe an die russisch überfal­lende Ukraine wird Truss fortsetzen oder gar ausweiten. Das hatte der schei­dende Premier­mi­nister Johnson kürzlich versprochen. Bei einem Überra­schungs­besuch zum ukrai­ni­schen Natio­nal­fei­ertag in Kiew, wo Johnson große Sympa­thien genießt, hatte der glühende Russland­kri­tiker nochmals Ausrüstung im Wert von 54 Millionen Pfund auf den Tisch gelegt. An Präsident Wolodymyr Selenskyj gewandt sagte Johnson: “Und ihr könnt und werdet gewinnen.

Die Johnson-Nachfol­gerin fände es gut, wenn einge­frorene russische Vermö­gens­werte an Opfer der Invasion umver­teilt würden. Zudem hat sie in einem Zeitungs­ar­tikel versprochen, Geheim­dienst­in­for­ma­tionen freizu­geben, um “die Versuche des Kremls zu entlarven, freiheits­lie­bende Demokratien zu unter­graben und zu destabilisieren.” 

Die Bezie­hungen beider Länder sind sowieso seit 2006 im wahrsten Sinne des Wortes vergiftet. Damals war der russische Ex-Spion Alexander Litwi­nenko auf engli­schem Boden mit Polonium ermordet worden – wohl auf Kreml-Betreiben. Der nahezu tödliche Nowit­schok-Anschlag auf Ex-Agent Sergei Skripal und dessen Tochter Julija 2018 soll ebenfalls auf das Konto von Russland gehen. 

Konfrontation mit der EU

Verschärfen dürfte sich das schwierige Verhältnis des UK zur Europäi­schen Union. Die einstige Brexit-Gegnerin hat sich in den vergan­genen Jahren flexibel wie eine Schlange zur schärfsten Kriti­kerin des Brüsseler Staaten­ver­bundes gewandelt. Nun droht eine bittere Ausein­an­der­setzung um den Zollstatus Nordir­lands und damit ein offener Bruch des europäisch-briti­schen Brexit-Abkommens. Die USA haben jetzt schon davor gewarnt.

“Die Briten werden sich nicht aussuchen können, welche
EU-Regularien ihnen genehm sind und welche nicht.

Michael Fuchs, CDU-Politiker

In Brüssel gehen EU-Diplo­maten schon in Lauer­stellung. Ein erster Clash könnte mit Ärmel­kanal-Nachbar Frank­reich abgehen. Truss hat versprochen, mit den Franzosen “hart” zu sein und sich mit EU-Gerichten anzulegen, um die für London unerwartete Migran­ten­krise vor seiner Küste zu lösen. Nach Meinung der neuen Premier­mi­nis­terin ist Präsident Emmanuel Macron der Schuldige am Zustrom ins Verei­nigte Königreich. 

In diesem Jahr kamen bereits 18.000 Migranten vom Festland auf die Insel. Rekord war Ende August, als an einem einzigen Tag insgesamt 1.295 Menschen in 27 Schlauch­booten zur südeng­li­schen Küste übersetzen. Zum Ärger des rechts­kon­ser­va­tiven Partei­flügels und etlicher Extre­misten außerhalb der Tories rückt die britische Grenz­po­lizei von Dover aus immer wieder zu Rettungs­ak­tionen aus. Aufge­fischte und andere Illegale sollen in das afrika­nische Land Ruanda abgeschoben werden, was Amnesty Inter­na­tional scharf kriti­siert.

Kompro­misslos wird sich Truss auch gegen Schottland zeigen, dessen Regie­rungs­chefin Nicola Sturgeon von der sozial­de­mo­kra­tisch ausge­rich­teten Natio­nal­partei (SNP) im kommenden Jahr über die Unabhän­gigkeit abstimmen möchte. Sie werde die gewählte Regie­rungs­chefin im Norden – die soeben die Mieten zur Infla­ti­ons­dämpfung einfrieren ließ – “ignorieren”, drohte Truss bei einer Wahlkampf­ver­an­staltung in Exeter. Zum Referendum – termi­niert auf 19. Oktober 2023 – sagte sie: “Nein, nein, nein”. Und fügte hinzu: “Nicola Sturgeon sucht nach Aufmerk­samkeit. Das ist es, was sie tut.” Den Drang vieler Schotten eine eigene Nation auszu­rufen dürfte das freilich nicht schmälern. 

Sonnyboy ohne Glück

Und warum ist Truss-Mitbe­werber Sunak gescheitert? Das hat auch mit einer Reihe strate­gi­scher Fehler zu tun. So befür­wortete der smarte Geldkenner zunächst eine Senkung der Mehrwert­steuer auf Energie­rech­nungen – obwohl er das als Finanz­mi­nister ausge­schlossen hatte. Das kostete ihm nach Ansicht von Beobachtern die Glaub­wür­digkeit angesichts der Lebens­hal­tungs­kos­ten­krise eine strenge Finanz­po­litik zu betreiben.

Dann kam heraus, dass Sunak ein nachge­ahmtes Kinder­bil­derbuch und ein Hörbuch mit dem Titel “Liz Truss’ Fantasie-Wirtschaftsplan” an Journa­listen verteilen wollte. Obwohl das Schmäh­ma­terial gegen seine Mitbe­wer­berin bereits entworfen und produk­ti­onsreif war, wurde es zurück­ge­zogen. Peinlich.

Weitere Ungeschick­lich­keiten folgten. Darunter war eine geplante Rede zur Überar­beitung des Gleich­stel­lungs­ge­setzes. Die wurde zwar an die Zeitungen geschickt, jedoch nie gehalten – das eigene Team war über den Kurswechsel entsetzt. Ebenfalls nach Hinaus­po­saunen kassiert wurde ein Plan zur Anhebung des Tempo­limits auf 80 km/h.

“Niemand wusste mehr, was vor Ort oder im Haupt­quartier geschah, die Kommu­ni­kation ist völlig schief­ge­laufen”, klagte ein frustrierter Sunak-Insider der konser­va­tiven Zeitung “The Telegraph”. Es war wohl ein Fehler, dass viele der Sunak-Helfer noch nie an einer Wahlkam­pagne gearbeitet hatten. Und so verkauften sie den Startup- und High-Tech-Fan auch schlecht an die eher ältliche Mitglied­schaft der Konservativen. 

Was aus Sunak wird ist unklar. Zwar hatten sich beide Kontra­henten vor TV-Kameras in die Hand versprochen, den Unter­le­genen in die neue Minis­ter­riege aufzu­nehmen. Aber nach ihrem klaren Sieg (fast 58 %) hat Truss keine Veran­lassung mehr den Kontra­henten einzu­binden. Er selbst hat schon erklärt, der neuen Regierung als Abgeord­neter loyal dienen zu wollen. 

Der Feind lauert schon

Unter­dessen machen sich Briten Gedanken darüber, ob ihr politi­sches System noch zeitgemäß ist. Denn schließlich ist die neue Premier­mi­nis­terin durch das Votum von weniger als 180.000 konser­va­tiven Partei­mit­gliedern in die 10 Downing Street gekommen – das Parlament oder gar das Volk hatten im Endspurt keine Mitwirkungsmöglichkeit. 

In der opposi­tio­nellen Labour-Partei kursieren sogar für Großbri­tannien revolu­tionäre Überle­gungen, die Abschaffung des Mehrheits­wahl­rechts zu unter­stützen, wie Liberale und Grüne es sich wünschen. Das würde – so befürchten Tories-Kreise – eine Ampel­re­gierung ermög­lichen. Partei­stra­tegen befürchten: Die Konser­va­tiven könnten für eine ganze Generation von den politi­schen Fleisch­töpfen fernge­halten werden. 

Wird Liz Truss also auf absehbare Zeit die letzte regie­rende Konser­vative in London sein? Das zu prophe­zeien wäre zu kühn. Die nächste Unter­hauswahl findet voraus­sichtlich erst am 23. Januar 2025 statt. Aber sicher ist: Bekommt Truss die von ihren Stamm­wählern so bitterlich ersehnte Gesundung Großbri­tan­niens nicht in den Griff, dann wird sie bei der nächsten wirklichen Wahl wenig Chancen gegen Opposi­ti­ons­führer Keir Stamer haben. Den stufen die Wähler zwar laut Umfrage als kaum geeignet ein. Aber: Auch im Verei­nigten König­reich ist es möglich, dass Pferde kotzen. 

Die wichtigste Hürde für Truss steht unter­dessen in den eigenen Reihen. Zwar haben die Konser­va­tiven mit 357 von 650 Abgeord­neten eine satte Mehrheit im Unterhaus. Aber rund 200 der Truss-Kollegen hatten bei den Vorwahlen nicht für sie gestimmt – das sind weit über 50 Prozent der Fraktion. Diese Kluft muss die frisch­ge­ba­ckene Regie­rungs­chefin erstmal überwinden.

Truss hat nun eine Regierung gebildet, die praktisch ausschließlich aus Vertrauten besteht. Unter den draußen Geblie­benen gibt es Unver­söhn­liche, die ihre Wunden lecken und auf Rache sinnen. Dazu gehört der künftige unbere­chenbare neue Hinter­bänkler Boris Johnson, dessen unermüd­lichen Strip­pen­zieher von seinem und vom eigenen Comeback träumen. “Ich werde nicht wie eine ausge­brannte Rakete irgendwo in eine einsame Ecke des Pazifiks stürzen,” sagte er in seiner Abschiedsrede vor 10 Downing Street.

Man erinnere sich: Auch die erste Eiserne Lady, Margaret Thatcher (1979 – 1990), zerbrach an der eigenen Partei und wurde erbar­mungslos über Nacht gestürzt. Die Erwar­tungen an das 15. Regie­rungs­ober­haupt unter der Regent­schaft­schaft von Queen Elizabeth II. sind jeden­falls schon jetzt außerhalb ihrer konser­va­tiven Bubble keineswegs groß: Mehr als die Hälfte der Briten glaubt laut Umfrage, dass Liz Truss eine schlechte oder schreck­liche Premier­mi­nis­terin sein wird… 


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