Nordirland ist wieder in Unruhe. Nach über zwei Jahrzehnten fried­licher Koexistenz droht ein Wieder­ent­fachen zuvor gepflegter jahrzehn­te­langer Feind­schaften. Kommt es erneut zu Blutver­gießen, Hass und mensch­licher Not?

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Belfast (waw) – In den 1980er Jahren bin ich als Korre­spondent der Deutschen Presse-Agentur (dpa) des Öfteren in Nordirland gewesen. Der Flieger brachte mich aus London binnen Stunden­frist in eine völlig andere Welt. Die Regio­nal­haupt­stadt Belfast war wirklich düster. In bestimmten Vierteln prägten verwahr­loste Backstein­rei­hen­häuser, verna­gelte Schau­fens­ter­fronten und mit Propa­gan­da­graf­fitti besprühte Wände das Bild. 

Eine Mauer trennte die Wohngegend der aufbe­geh­renden katho­li­schen Minderheit vom Rest der Bevöl­kerung, der protes­tan­ti­schen Mehrheit. Die Ersteren waren Feinde der Monarchie unter Queen Elizabeth II. Ihr Ziel: Auflösung der briti­schen Provinz Nordirland und Wieder­ver­ei­nigung mit der südlich gelegenen Republik Irland – keine Grenze mehr zwischen den Landes­teilen der bis 1920 geeinten grünen Insel. Die Zweiten, die Unionisten, wollten weiter zur Krone gehören – zu Großbri­tannien, das den Katho­li­zismus 1531 unter König Heinrich VIII. abgelegt hatte.

Die Kinder von Belfast spielen Krieg (1984)
Belfast 1984: Krieg heißt das Kinder­spiel / Foto: © Wiegand 2021

Nicht nur das Bild der Straßen in Belfast, in deren Schluchten der Geruch verbrannter Kamin­kohle aus den Hausschloten waberte, war düster. Auch die Menschen wirkten damals bedrückt bis finster. Hier lebte man den Alltag mit den “troubles”, wie man den bürger­kriegs­ar­tigen Macht­kampf der zwei Bevöl­ke­rungs­gruppen harmlos klingend nannte. Terro­risten der Irisch-Republi­ka­ni­schen Armee (IRA) legten Bomben, schossen auf Militärs und Polizisten, führten ein unerbitt­liches Regiment in “ihren” Gebieten. Auf der anderen Seite agierten ebenfalls illegale Parami­litärs, die Katho­liken einschüch­terten, „den Krieg” propa­gierten und Gegner erschossen.

Unhaltbare Versprechungen

Dieser mit 3.600 Toten schlimmste Konflikt des modernen Europas wurde 1998 mit dem “Karfrei­tags­ab­kommen” beendet. Möglich wurde das durch den Beitritt des Verei­nigten König­reiches (UK) zur Europäi­schen Union (EU). Durch die EU-gemäß offenen Grenzen fanden die jahrzehn­telang bis aufs Blut verfein­deten Gruppen zuein­ander, denn alle rund zwei Millionen Einwohner hatten durch das Ende der Isolation im äußersten Insel­norden einen Vorteil. Für die einen war die Teilung mit der “durch­sich­tigen Grenze” wenigstens gefühlt aufge­hoben, für die anderen boten sich enorme wirtschaft­liche Chancen ohne Zollschranken. 

Nun, im Jahre 2021, ist der Frieden in den neun Grafschaften, die man Ulster nennt, vorbei. Es ist der Brexit, der die Stabi­lität gesprengt hat.Mit seinen unhalt­baren Verspre­chungen hat Boris Johnson das fragile Karfrei­tags­ab­kommen aufs Spiel gesetzt,” analy­siert Stefanie Bolzen, Korre­spon­dentin von WELT. “Busfahrer werden mit Brand­bomben beworfen von Teenagern, die die ‘Troubles’ nie erlebt haben, weil sie nicht einmal geboren waren, als 1998 das Karfrei­tags­ab­kommen geschlossen wurde.”

Der britische Premier hatte nämlich beteuert, niemals eine Grenze zwischen Großbri­tannien und Nordirland in der dazwi­schen­lie­genden See zulassen zu wollen. Auch Zölle auf britische Waren für Nordirland hatte der konser­vative Politiker und Brexit-Architekt stets ausge­schlossen. Nun kam alles anders.

Joe Biden: “Mäßigt euch!”

Die eigent­liche Ursache der Gewalt ist der Austritt Großbri­tan­niens aus der Europäi­schen Union,” sagt auch Peter Blunschie, Autor des Infor­ma­ti­ons­portals Watson: “Nordirland wird zum größten Kolla­te­ral­schaden des Brexit”. Denn im 1.250 Seiten langen Brexit-Abkommen ist eine Zollgrenze in der Irischen See enthalten, die Nordirland wirtschaftlich vom UK abschneidet – der Preis Johnsons an die EU, die darauf bestanden hatte, die Landgrenze zwischen dem briti­schen Nordirland und dem EU-Staat Irland offen­zu­halten. Der Norden bleibt damit faktisch im EU-Markt und grenzt sich zum Entsetzen der Unionisten vom Land der Queen ab.

Wegen der seit 1. Januar 2021 geltenden Zollbü­ro­kratie liefern etliche britische Unter­nehmen keine Waren mehr an die gegen­über­lie­gende Küste. Die Folge: Manches nordiri­sches Laden­regal bleibt leer. Transport und Verwaltung werden teurer. Die Verbraucher zahlen den Preis. 

Deshalb ziehen seit Wochen Jugend­liche gewaltsam durch die Straßen, “instru­men­ta­li­siert von Parami­litärs im Hinter­grund,” wie Blunschie berichtet. Es fliegen wieder Molotow­cock­tails und Steine. Wasser­werfer ziehen ihre Kreise. Muss bald wieder die britische Armee eingreifen? 

Dass jetzt der irisch­stämmige US-Präsident Joe Biden alle Seiten zur Mäßigung aufrief, das spricht Bände über den Ernst der Lage. Er fühle sich an die Zeit der “Troubles” erinnert, wie die bürger­kriegs­ähn­lichen Zustände in Nordirland von 1969 bis 1998 beschö­nigend genannt werden, schreibt Blunschie.

Über Irland zieht Sturm auf

War der Frieden vom Karfreitag 1998 also nur der Auftakt zu einer trüge­ri­schen Ruhe? Vermutlich ja, denn militante probri­tische Protes­tanten fühlen sich durch das ökono­mische Abgeschnit­tensein von Großbri­tannien als die Opfer des Brexits. Dazu kommt, Überle­gungen über den Wieder­an­schluss an die Republik Irland immer populärer werden: 

  • Schon 51 Prozent der Nordiren können sich ein Referendum vorstellen.
  • 42 Prozent wünschen sich bereits eine Wiedervereinigung.
  • 48 Prozent der Befragten erwarten, dass Irland bis 2031 wieder eine Nation sein wird.

Boris Johnson steckt indessen in der Klemme. Großbri­tan­ni­en­loyale Unionisten werfen ihm wegen der Grenze im Meer lauthals Verrat vor. Öffnet er die Linie aber wieder und führt eine harte Grenze zwischen der Republik und Nordirland ein, werden sich katho­lische Antimon­ar­chisten radika­li­sieren. Die Anzeichen, dass ein düsteres politi­sches Sturmtief auf die nordwest­eu­ro­päische Atlan­tik­insel zutreibt, mehren sich.


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